Bauen wir eine starke bolschewistische Partei auf

Streikende Hoscharbeiter vor der Hauptverwaltung der Westfalenhütte im September 1969. Ein Streik ohne IG-Metal. Was fehlt ist die Partei. Das Bild ist kein Bestandteil des vorliegenden Artikels des ROTEN MORGEN.

ROTER MORGEN, 4. Jg., Januar/Februar 1970

1. Warum braucht das Proletariat eine Partei?

Die moderne Geschichte ist eine Geschichte von Klassenkämpfen. In der Epoche des Kapitalismus ist es der Klassenkampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat, welcher der Geschichte seinen bestimmenden Stempel aufdrückt. Wie der Marxismus beweist, wird dieser Kampf mit der Erringung der politischen Macht des Proletariats und des Übergangs zur klassenlosen Gesellschaft ohne Privateigentum enden. Triebkraft dieser Entwicklung ist in der Epoche des Kapitalismus das für die Erlangung seiner politischen Herrschaft kämpfende Proletariat. Wie in aller bisherigen Geschichte noch keine Klasse zur Herrschaft gelangt ist, ohne ihre eigenen politischen Führer hervorgebracht zu haben, die fähig waren, die Bewegung zu organisieren und zu leiten, schafft auch der Kampf des Proletariats die entsprechenden Führer, die hingebungsvoll den proletarischen Klassenkampf organisieren und leiten.

Um ihrer Klasse am wirkungsvollsten dienen zu können, schließen sich die besten und aktivsten Vertreter jeder Klasse in einer Organisation zusammen, die Partei genannt wird. Eine Partei ist die politische Organisation einer Klasse, die deren besten und aktivsten Vertreter, die immer nur eine Minderheit der Klasse ausmachen, vereinigt, um dem Kampf der gesamten Klasse mehr Wucht zu verleihen.

Streikende Hoscharbeiter vor der Hauptverwaltung der Westfalenhütte im September 1969. Ein Streik ohne IG-Metal. Was fehlt ist die Partei. Das Bild ist kein Bestandteil des vorliegenden Artikels des ROTEN MORGEN.

Auch die Führer der Arbeiterbewegung schließen sich in einer Partei zusammen, um ihrer Klasse noch besser dienen zu können. Genauso wie die anderen Klassen braucht das Proletariat eine eigene Partei, die fähig ist, seinem Kampf größere Wucht zu verleihen. Es gibt jedoch einen Umstand, der der Existenz einer Partei besondere Notwendigkeit verleiht:

Zusammen mit der historischen Herausbildung des Kapitalismus vollzogen sich relativ unabhängig voneinander einerseits die Entwicklung einer spontanen Arbeiterbewegung, andererseits die Entwicklung der Wissenschaft bis zur Stufe der Aufdeckung der objektiven Gesetze der gesellschaftlichen Entwicklung, die besagen, daß das Proletariat zur herrschenden Klasse und zur vollständigen Emanzipation durch Liquidierung des Privateigentums gelangen wird, während sich alle anderen Klassen ihm unterzuordnen haben. Von dieser Entwicklungsstufe der Wissenschaft an war es offensichtlich, daß das Proletariat fortan als einzige Klasse ein Interesse an konsequenter Wissenschaftlichkeit hat, da anders als bei den übrigen Klassen die objektiven Gesetze der gesellschaftlichen Entwicklung mit seinen Interessen zusammenfallen.

Die andere Entwicklung, die spontane Arbeiterbewegung entsteht auf Grund der sich ständig verschärfenden Ausbeutung, die das Proletariat am eigenen Leibe erfährt und der es sich widersetzt. Infolge seiner elenden Klassenlage ist es jedoch dem Proletariat nicht möglich, über die sinnliche Erfahrung der Ausbeutung hinauszukommen und den Sprung zur rationalen Erkenntnis zu vollziehen. Wegen der raffinierten Verschleierung der kapitalistischen  Ausbeutung ist diese nur durch wissenschaftliche Analyse zu erkennen, sie offenbart sich nicht in der Erscheinungsform der gesellschaftlichen Verhältnisse, die der Arbeiter sinnlich erfährt. So neigt der Arbeiter spontan immer eher der bürgerlichen Ideologie zu, die die Erscheinungsformen der gesellschaftlichen Verhältnisse als deren Wesen ausgibt, um den Kampfeswillen der Arbeiter in für die Bourgeoisie ungefährlich Bahnen zu lenken. Die spontane Arbeiterbewegung ist daher blind, ein Schiff ohne Kompaß, das die Bourgeoisie in die Irre führt, wenn sie sich nicht von einer wissenschaftlichen Theorie leiten läßt, die das Wesen der gesellschaftlichen Verhältnisse bloßlegt und die realen Bedingungen ihrer Veränderbarkeit zeigt.

Da das Proletariat unter den Bedingungen des Kapitalismus jeglicher Möglichkeit der wissenschaftlichen Betätigung beraubt ist, kann diese wissenschaftliche Theorie, der dialektische und historische Materialismus, der Marxismus-Leninismus, dem Proletariat nur von außen, von Vertretern der Intelligenz gebracht werden. Daran hat nicht nur das Proletariat Interesse.*

Die Vertreter der Intelligenz. deren Weltanschauung der dialektische und historische Materialismus ist, haben ebenfalls ein großes Interesse daran, dem Proletariat diese Weltanschauung zu überbringen, da sie wissen, daß das Proletariat die einzige Kraft ist, auf die sich sich im Kampf für ihre Ziele stützen können.

Das gegenseitige Interesse der fortschrittlichen, marxistischen Intelligenz einerseits und des Proletariats andererseits drängt also nach einer Vereinigung, die für beide zur Notwendigkeit wird. Marx hat diesen Tatbestand in dem genialen Satz zusammengefaßt: „Wie die Philosophie im Proletariat ihre materiellen, so findet das Proletariat in der Philosophie seine geistigen Waffen.“

Das Proletariat braucht also unbedingt eine Partei, die ihrem Wesen nach die Vereinigung von Sozialismus und Arbeiterbewegung ist, die in ihrer Tätigkeit das Hineintragen des kommunistischen Bewußtseins in die Arbeiterklasse mit der auf wissenschaftlicher Grundlage beruhenden direkten Leitung des proletarischen Klassenkampfes zur Liquidierung des Privateigentums verbindet.

Die erfolgreiche Initiative für die praktische Verwirklichung dieser Vereinigung geht notwendigerweise von der Intelligenz aus, da sie allein über die für diese Vereinigung notwendige Theorie verfügt, während die spontane Arbeiterbewegung, wenn auch zuweilen sehr schwach, ständig vorhanden ist.*

„Der Kopf dieser Emanzipation ist die Philosophie, ihr Herz das Proletariat.“ (Marx).

Der Kopf kann manchmal umnebelt sein, das Herz jedoch schlägt immer. Von einem gesunden Organismus kann man allerdings nur bei klarem Kopf sprechen.
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2. Warum braucht das Proletariat eine bolschewistische Partei?

Spätestens seit Beginn des 1. imperialistischen Weltkrieges ist es offensichtlich geworden, daß die alten sozialdemokratischen Parteien der II. Internationale für den revolutionären Kampf des Proletariats vollkommen untauglich waren. Diese Parteien, die in einer Periode der mehr oder minder friedlichen Entwicklung des Kapitalismus, der parlamentarischen Kampfform als der Hauptform des Kampfes heranwuchsen, versagten vollständig, als infolge der immensen Verschärfung der Widersprüche durch Entwicklung des imperialistischen Stadiums des Kapitalismus eine Periode der offenen Klassenschlachten, der Vorabend der proletarischen Revolution angebrochen war. Die opporunistischen Parteien der II. Internationale bezogen Positionen des Sozialchauvinismus und retteten so faktisch „ihre“ Bourgeoisie, indem sie betonten, sie seien Friedensinstrumente und keine Kriegsinstrumente. Die einzige Partei, die in dieser Periode konsequent die Bürgerkriegsidee zum revolutionären Sturz der Bourgeoisie unter der Losung „Krieg dem Kriege“ verfocht, war die heroische Partei der Bolschewiki unter Führung Lenins. Diese Partei lehrte die gesamte internationale Arbeiterbewegung, wie es möglich ist, eine revolutionäre Partei des Proletariats von neuem Typus aufzubauen, die den offenen Klassenschlachten, die mit Entstehen des Imperialismus überall auf der Tagesordnung stehen, gewachsen ist und das Proletariat und die übrigen Volksmassen zum Sieg führt.

Diese Erfahrungen haben das internationale Proletariat gelehrt, daß es sich wirkliche Kampfparteien schaffen muß, die von der Bürgerkriegsidee durchdrungen sind, wenn es sich aus seinem Elend befreien will. Diese Erfahrungen sind heute aktueller denn je. Die Verschärfung der Widersprüche hat unvorstellbare Ausmaße angenommen. Ständig ist das Proletariat dem drohenden Faschismus ausgesetzt, dem es bereits einmal gelungen ist, die Arbeiterbewegung bestialisch niederzumetzeln. Die Bourgeoisie hat durch Re-Militarisierung, KPD-Verbot, Notstandsgesetze etc. deutlich genug gezeigt, zu welchen Mitteln sie gewillt ist zu greifen, um ihrer grausamen Herrschaft das Leben zu verlängern. In einer solchen Situation das Proletariat ohne Kampfpartei nach dem Vorbild der Bolschewiki zu belassen, bedeutet, das Proletariat waffenlos dem bourgeoisen Ungeheuer auszuliefern.

Das größte Erfordernis einer solchen Partei ist die bestmögliche Bekämpfung jeglichen Opportunismus und Kapitulantentums. Dazu ist die Partei aber nur in der Lage, wenn es ihr gelingt, ihre eigenen Reihen von opportunistischen Elementen vollkommen freizuhalten; sie muß also auch bei ihrer Organisationsform darauf achten, daß diese eine möglichst scharfe Waffe gegen das Aufkommen des Revisionismus darstellt. Die Grundzüge der Partei, die das Proletariat braucht, sind daher durch den demokratischen Zentralismus, der strikten Unterordnung der Minderheit unter die Mehrheit, der unteren Organe unter die oberen, der proletarischen Disziplin, und des Verbots jeglicher Fraktionsmacherei bestimmt.

Der Neuaufbau einer solchen Partei wurde zu einer objektiven Notwendigkeit, nachdem der vollkommene Übergang der KPD/DKP zum Revisionismus derart offensichtlich war, daß die organisatorische Trennung von ihnen unumgänglich wurde.
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3. Wie bauen wir jetzt die bolschewistische Partei auf?

Wenn wir unser Blickfeld auf das Gebiet Westdeutschlands einengen, so scheinen wir uns in einer Phase der ziemlich friedlichen Entwicklung zu befinden. Es wäre jedoch vollkommen falsch, unter Hinweis auf diesen trügerischen Sachverhalt zu empfehlen, auch nur die geringsten Abstriche an den Bemühungen zur Schaffung einer revolutionären Kampfpartei vorzunehmen. Im Gegenteil, gerade in den Perioden der relativ friedlichen Entwicklung unternehmen wir die allergrößten Anstrengungen, uns auch organisatorisch auf die offenen revolutionären Klassenschlachten, den Bürgerkrieg vorzubereiten;bricht dieser ungeahnt heran, so ist es bereits zu spät. Unsere gesamten organisatorischen Bemühungen lassen wir von den Notwendigkeiten des Kampfes für die Diktatur des Proletariats leiten und nicht von den Erfordernissen des Tageskampfes in einer scheinbar noch so friedlichen Periode.

Das erfordert den schonungslosesten Krieg gegen jeglichen Opportunismus, der sich natürlicherweise in relativ friedlichen Perioden am leichtesten breit macht. Bereits in der Aufbauphase muß die größte Aufmerksamkeit der Reinhaltung der Partei von opporunistischen Elementen gewidmet werden. Das ist wiederum unmöglich, ohne von Anfang an alle Prinzipien des demokratischen Zentralismus, der Disziplin, der Fraktionsverbots, der Kombinierung der legalen mit der illegalen Arbeit etc. konsequent durchzuführen. Nicht, daß die Einhaltung dieser Prinzipien den Opportunismus von selbst verhinderte, sie stellt lediglich die notwendige organisatorische Waffe zu seiner Bekämpfung dar. Die Hauptwaffe auch zur Bekämpfung des Opportunismus ist selbstverständlich die proletarische Politik; die organisatorischen Prinzipien müssen jedoch derart beschaffen sein, daß sie dieser Politik am besten dienen.

Um sich über die aktuell wichtigsten Aufgaben zum Aufbau einer starken bolschewistischen Partei klar zu werden, ist es nützlich, zu analysieren, welche Phasen dieser Aufbau  durchlaufen muß und an welcher Stelle wir uns momentan befinden.

Im Prozeß der Schaffung der Partei können wir zwei Phasen unterscheiden: 1. Phase des Gewinns der Avantgarde des Proletariats für den Kommunismus, der Sammlung der Avantgarde um ein auf wissenschaftlicher Analyse beruhendes Programm und die ihm dienenden Grundzüge der Strategie und Taktik, und 2. die Phase der politischen Aktion der von der Partei geführten Millionen-Massen. Von einer bolschewistischen Partei im eigentlichen Sinne kann man erst sprechen, wenn sie die zweite Phase erfolgreich meistert, wenn sie von den Massen als Führerin anerkannt wird.

Wir befinden uns zur Zeit noch am Beginn der ersten Phase, wir haben noch nicht einmal ein Programm. Diesen Tatbestand klar zu erkennen, hat wichtige praktische Konsequenzen.

Der Kommunismus, für den wir die Avantgarde des Proletariats gewinnen wollen, ist kein Brocken totes Buchwissen, den wir den Massen in der Erwartung vorsetzen können, daß sie ihn schlucken, sondern konsequent revolutionäre Anleitung zum Handeln, ein Feind jeglichen Dogmatismus. Der Marxismus-Leninismus ist für uns kein fertiges Rezept, sondern heroisches Beispiel für konkrete Analyse der konkreten Situation. Wir müssen erst noch lernen, die allgemeinen Wahrheiten des Marxismus-Leninismus mit unserer konkreten Praxis zu verbinden, wir müssen erst noch analysieren, in welcher Erscheinungsform sich bei uns diese Grundzüge jeglicher proletarischen Revolution durchsetzen. Wir müssen dazu in der Lage sein, voraus zu blicken, das notwendige Verhalten aller Klassen der Gesellschaft in der zukünftigen Entwicklung im voraus zu bestimmen; wir müssen diese wissenschaftliche Prognose massenhaft propagieren und den Volksmassen Gelegenheit geben, sich durch ihre eigenen Erfahrungen von der Richtigkeit unserer Analyse zu überzeugen, damit sie praktisch die Konsequenzen ziehen, die wir theoretisch gezogen haben. Haben wir jedoch eine solche korrekte Analyse samt ihren Schlußfolgerungen nicht, so werden unsere Bemühungen von vornherein zum Scheitern verurteilt sein.

Bevor wir auf diesem Gebiet keine Fortschritte erzielen, wird es uns unmöglich sein, die Avantgarde des Proletariats zu gewinnen; die Massen werden nur dann dem Kommunismus zustreben, wenn wir erläutern können, wie er als einzige Alternative aus der widersprüchlichen Entwicklung der aktuellen gesellschaftlichen Verhältnisse entspringt; schaffen wir das nicht, so wird der Kommunismus den Massen fremd bleiben, da er ihnen dann als beziehungslos zu ihrer tagtäglichen Erfahrung erscheint.
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Schwerpunkt in der Theorie

Daraus folgt, daß in der nächsten Zeit der Schwerpunkt unserer Arbeit auf dem Gebiet der Theorie liegen muß. Wir müssen eine prinzipielle Erörterung der Grundfragen der Bewegung eröffnen und uns dabei auf wissenschaftliche Analysen und nicht auf unsere Wunschvorstellungen stützen. Die Grundfragen der Bewegung können keinesfalls dadurch geklärt werden, daß wir uns verbal zum Marxismus-Leninismus und sogar auch zu den Maotsetungideen bekennen; Liu Schao-tschi tat dies auch.

Um nicht Mißverständnisse derart aufkommen zu lassen, daß hier empfohlen wird, sich vorerst in die Studierstuben zurückzuziehen, die Praxis so lange auszusetzen, bis man sich in den Studierstuben gründlich genug auf sie vorbereitet hat, soll das Verhältnis von Theorie und Praxis in der jetzigen Etappe näher erläutert werden.

Oben wurde festgestellt, daß wir uns in der Phase der Gewinnung der Avantgarde des Proletariats für den Kommunismus befinden. Es ist sicher richtig, daß wir diese Aufgabe nicht durch theoretische Arbeit erfüllen, sondern durch breit angelegte Propaganda und auch Agitation, zweifellos praktische Betätigungen. Die jetzige Etappe ist jedoch dadurch gekennzeichnet, daß ungeklärte theoretische Fragen das Haupthindernis zur erfolgreichen Ausweitung unserer Propaganda darstellen. So wie die Praxis immer der Theorie vorangeht, haben wir auch mutig mit Propaganda und Agitation begonnen, uns an die Losung haltend: „Das Kriegführen durch den Krieg selbst erlernen – das ist unsere Hauptmethode“. Wir mußten dabei lernen, daß eine Unmenge von Fragen aufgeworfen wurden, auf die wir keine befriedigenden Antworten geben konnten, weil diese nur hätten das Ergebnis wissenschaftlicher Analysen sein können, die wir noch nicht geleistet hatten. Es handelt sich bei diesen Fragen keineswegs um Randprobleme, sondern hauptsächlich um Grundfragen der Bewegung, solche wie nach dem Verhältnis der verschiedenen Klassen zueinander, den Auswirkungen der fortschreitenden imperialistischen Entwicklung auf die Lage dieser Klassen, Fragen nach unserer Stellung zur nationalen Frage in Deutschland und Europa etc.

Die Praxis selbst ist es also, die der Theorie in der jetzigen Etappe ihre besondere Bedeutung verleiht, die Praxis selbst ist es, die in dem Widerspruch zwischen Theorie und Praxis die Theorie zur hauptsächlichen Seite werden läßt. Die Betonung der großen Bedeutung der Praxis darf uns nicht davon abhalten, diese Praxis auszuwerten, zu verallgemeinern und die sich stellenden theoretischen Fragen zu lösen.

Die Tatsache, daß die theoretischen Aufgaben für uns momentan die dringlichsten sind, bedeutet also keinesfalls eine Aussetzung der Praxis; wofür arbeiten wir denn theoretisch, wenn nicht um den Weg der Praxis zu beleuchten. Die Theorie muß unter korrekter Einbeziehung unserer Situation entwickelt und auf ein höheres Niveau gebracht werden, so daß unsere Praxis theoretisch eine Stütze erhält und gleichfalls auf ein höheres Niveau gebracht werden kann.

Davon ausgehend, da es das Ziel der gesamten ersten Phase ist, an deren Beginn wir jetzt stehen, die Avantgarde des Proletariats für den Kommunismus zu gewinnen, ist es unmöglich, daß die dafür jederzeit notwendige Propaganda, die in der ersten Phase die Hauptform der Praxis darstellt, auch nur einen Augenblick lang aufgegeben wird. Auf allen Gebieten, auf denen wir das bereits können, müssen wir selbstverständlich unaufhörlich den Marxismus-Leninismus propagieren und uns kämpferisch mit allen dem Marxismus fremden und feindlichen Ideologien auseinandersetzen. Wir müssen bestrebt sein, überall eine revolutionäre öffentliche Meinung zu schaffen, und hauptsächlich in der ideologischen Sphäre arbeiten. Auch müssen wir überall entschieden für die Interessen der Massen eintreten, damit diese erkennen, daß wir ihnen helfen wollen und sie so überhaupt erst an unserer Propaganda interessiert sind. Je besser wir diese praktischen Aufgaben erfüllen, desto leichter wird es uns fallen, die Avantgarde des Proletariats für den Kommunismus zu gewinnen.

Nachdem nun eine grundlegende Orientierung auf die dringlichsten aktuellen Aufgaben vollzogen worden ist, steht noch die Klärung der Methode ihrer Bewältigung aus. Es wäre verfehlt, lediglich die allgemeinen Aufgaben zu formulieren und den Ortsverbänden die Ausführung zu überlassen, ohne daß dafür ein gemeinsamer Plan vorliegt. Wir müssen durch die Methoden unserer Arbeit gewährleisten,  daß  wir  nicht

Werbeaufkleber ROTER MORGEN. Das Bild ist kein Bestandteil des vorliegenden Artikels des ROTEN MORGEN.

nur nominell, sondern faktisch eine einheitliche Partei, ein organisches Ganze bilden. Wir müssen in unserer Arbeit alle Vorteile des Zentralismus gegenüber dem Zirkelwesen ausnutzen.

Der Anfang dafür besteht in der Verbesserung des zentralen Organs. Diese Arbeit ist das geeignetste Mittel, um zu einer faktischen Einheit der Partei zu gelangen. Das Zentralorgan muß zu einem lautstarken Sprachrohr der Volksinteressen, zu einem solchen lebendigen Organ werden, wie es die Leninsche „Iskra“ war. Die Verbesserung der Zeitung, bis sie in optimaler Weise ihre Funktion als kollektiver Propagandist, kollektiver Agitator und kollektiver Organisator erfüllt, ist jetzt der wichtigste konkrete praktische Beitrag zum Aufbau einer starken bolschewistischen Partei. Jede Parteizelle muß sich daran beteiligen. Die Arbeit an der Zeitung ist die einzige Tätigkeit, die dazu zwingt sämtliche Fähigkeiten herauszubilden, die für eine bolschewistische Partei notwendig sind. In der Zeitung müssen einerseits alle Probleme erörtert werden, die mit der theoretischen Arbeit zusammenhängen, es muß eine prinzipielle Erörterung der Grundfragen der Bewegung organisiert werden, andererseits ist die Zeitungsarbeit das hauptsächliche Mittel für unsere Propaganda.

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* = Anmerkeung der Redaktion „Die Welt vor 50 Jahren“:

Dieser Artikel wurde von Ezra Gerhardt geschrieben und war Anlaß der ersten großen Spaltung der KPD/ML. Der Grund dafür war das er die Vorherrschaft der Intellektuellen propagierte:

„Da das Proletariat unter den Bedingungen des Kapitalismus jeglicher Möglichkeit der wissenschaftlichen Betätigung beraubt ist, kann diese wissenschaftliche Theorie, der dialektische und historische Materialismus, der Marxismus-Leninismus, dem Proletariat nur von außen, von Vertretern der Intelligenz gebracht werden. Daran hat nicht nur das Proletariat Interesse.

Die Vertreter der Intelligenz. deren Weltanschauung der dialektische und historische Materialismus ist, haben ebenfalls ein großes Interesse daran, dem Proletariat diese Weltanschauung zu überbringen, da sie wissen, daß das Proletariat die einzige Kraft ist, auf die sich sich im Kampf für ihre Ziele stützen können.(…)“

und
“ (…) Die erfolgreiche Initiative für die praktische Verwirklichung dieser Vereinigung geht notwendigerweise von der Intelligenz aus, da sie allein über die für diese Vereinigung notwendige Theorie verfügt, während die spontane Arbeiterbewegung, wenn auch zuweilen sehr schwach, ständig vorhanden ist. (…)“

Richtig wäre gewesen, die Partei und nicht die Intelligenz trägt den Marxismus-Leninismus in die Arbeiterklasse.

Zuerst spaltete sich die Rote Garde Westberlin, dann die Rote Garde bundesweit, bis sich dann mit einem Zusammenschluß mit Willi Dickhut, Peter Weinfurth (Landesverband NRW) die „KPD/ML – Zentralbüro“ bildete.

Dieser Artikel wurde später von der KPD/ML-Zentralkommitee zurückgenommen, aber die Spaltung war dann schon vollzogen und unwiderruflich.

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