Zur Stalinfrage

Josef Stalin. Das Bild ist kein Bestandteil des vorliegenden Artikels des ROTEN MORGEN.

ROTER MORGEN, 3. Jg., Juli/August 1969

Aufgabe dieser Betrachtung soll es sein, eine marxistisch-leninistische Grundlage der Kritik an J. W. Stalin zu zeigen.

Es gibt zwei Standpunkte der Kritik an Stalin. Der eine Standpunkt der Kritik ist der Standpunkt des Klassengegners, der für uns Marxisten-Leninisten der Standpunkt des Feindes ist. Wenn dieser Feind Stalin allseitig verdammt, so zeigt uns dies nur, daß Stalin gute Arbeit geleistet hat. Denn:  „Wenn wir vom Feind bekämpft werden, dann ist es gut; denn es ist ein Beweis, daß wir zwischen uns und den Feind einen klaren Trennungsstrich gezogen haben. Wenn uns der Feind energisch entgegentritt, uns in den schwärzesten Farben malt und gar nichts bei uns gelten läßt, dann ist das noch besser; denn es zeugt davon, daß wir nicht nur zwischen uns und dem Feind eine klare Trennungslinie gezogen haben, sondern daß unsere Arbeit auch glänzende Erfolge gezeitigt hat.“
……………………………………………………………………………………………………………………………Mao Tsetung

So dürfte der Fall klar sein. Denn in der Tat wird Stalin vom Klassenfeind allseitig verdammt. Doch ist uns damit eine Kritik an Stalin untersagt? Keineswegs. Um den Charakter der Kritik an Stalin zu bestimmen, bedarf es eines Nachweises, nämlich dessen, daß Stalin ein großer Marxist-Leninist war.

Eine Kritik an Stalin soll eine Kritik an Stalins Taktik sein, wobei wir immer noch unterscheiden müssen, welche Fehler Stalins historisch vermeidbar und welche unvermeidbar waren. Um es noch einmal deutlich zu sagen: Stalins Fehler bestanden in reinen taktischen Fehleinschätzungen. Selbstverständlich sollte die Taktik der Strategie dienen, aber aus einzelnen taktischen Fehlern setzt sich noch lange keine falsche Strategie zusammen. Und die richtige Strategie Stalins wurde auf Grund seiner Taten nachgewiesen.

Wir sehen also wie schwierig es ist, eine richtige, eine marxistisch-leninistische Kritik an Stalin anzuwenden. Alleine die eben genannten Gesichtspunkte sollten für uns Marxisten-Leninisten in Betracht gezogen werden.

Doch wie steht es mit der Kritik an Stalin, die nach seinem Tod von jenen „Marxisten-Leninisten“ bis heute in der Sowjet-Union und ihren Trabanten gehandhabt wird?

Er wurde von diesen Leuten als Bandit beschimpft und unter dem Vorwand des Personenkults allseitig verdammt. Es ist offenkundig, wie sehr diese „Kritik“ der des Klassenfeindes gleicht. Deshalb ist es nur umso leichter verständlich, dass diese „Genossen“ es erreicht haben, in der ehemals unter Führung von Lenin und Stalin so ruhmreichen Sowjetunion, den Kapitalismus zu restaurieren. Aber das sowjetische Volk hat seine großen Führer Lenin und Stalin nicht vergessen und wird es sicher verstehen, den lästigen Ballast des neuen Zaren-Regimes mutig abzuschütteln.

Für uns sollte gelten: Kritisieren wir Stalin, kritisieren wir ihn jedoch richtig, wie wir jeden Genossen kritisieren. Diese Kritik wird unsere ideologische Einheit um ein Vielfaches verbessern.

Betrachten wir also das Leben Stalins; Zu Lenins Lebzeiten hat Stalin gegen das Regime des Zaren und für die Verbreitung des Marxismus gekämpft; nachdem er Mitglied des ZK der Partei der Bolschewiki – mit Lenin an der Spitze geworden war, kämpfte er für die Vorbereitung der Revolution von 1917; nach der Oktoberrevolution kämpfte er für die Verteidigung der Errungenschaften der proletarischen Revolution.

Die theoretischen Werke Stalins sind unvergängliche Dokumente des Marxismus-Leninismus, die einen unauslöschlichen Beitrag zur internationalen kommunistischen Bewegung bilden.

Nach Lenins Tod führte Stalin die KPdSU und das Sowjetvolk entschlossen im Kampf gegen die inneren und äußeren Feinde und beschützte sie und festigte so den ersten sozialistischen Staat der Welt.

Stalin führte die KPdSU und das Sowjetvolk entschieden auf die Linie der sozialistischen Industrialisierung und der Kollektivierung der Landwirtschaft, wodurch große Erfolge bei der sozialistischen Umgestaltung und dem Aufbau des Sozialismus errungen wurden. Stalin hat die KPdSU, das Sowjetvolk und die sowjetische Armee durch schwierige, großartige Kämpfe bis zum Triumph im antifaschistischen Krieg geführt. Stalin hat im Kampf gegen den Opportunismus aller Schattierungen, gegen die Feinde des Leninismus, die Trotzkisten, Bucharinleute und andere Agenten der Bourgeoisie – den Marxismus-Leninismus verteidigt und weiterentwickelt.

Im Ganzen haben die KPdSU und die Sowjetregierung unter Führung von Stalin eine dem proletarischen Internationalismus entsprechende Außenpolitik verfolgt und den Völkern aller Länder in ihrem revolutionären Kampf große Hilfe geleistet.

An der Spitze des Stroms der Geschichte leitete Stalin den Kampf und war der unversöhnliche Feind der Imperialisten und aller Reaktionäre (Auszug aus der Polemik über die Generallinie der internationalen kommunistischen Bewegung).

Was zeigt dieser kurze Abriss aus dem Leben Stalins?

Das Leben Stalins war das Leben eines großen Marxisten-Leninisten, eines großen proletarischen Revolutionärs. Dies allein soll die Grundlage sein, aus der unsere Kritik an Stalin erwächst.

 

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Mitteilung der Redaktion »Die Welt vor 50 Jahren«:

Der Artikel zur Stalin-Frage war eine der ersten Stellungnahmen der sich im Aufbau befindlichen KPD/ML. Die Verteidigung Stalins in diesem Artikel ist noch sehr schwach. Er beginnt schon in der Überschrift kapitulantenhaft. Stalinfrage, gibt es eine Marx-Engels-Frage, eine Lenin-Frage eine Mao- oder Hoxha-Frage? Man hätte Stalin-Frage zumindest in Anführungszeichen setzen müssen.

Normalerweise findet man Fehler und kritisiert sie. Der Verfasser geht umgekehrt heran: Man muß Stalin kritisieren und die Fehler suchen. Er schreibt „eine marxistisch-leninistische Grundlage der Kritik an J.W.Stalin zu zeigen“, „Kritisieren wir Stalin“. Die einzige Konkretisierung ist: „Stalins Fehler bestanden in reinen taktischen Fehleinschätzungen.“

Warum benennt er sie nicht? So streut er nur Mißtrauen gegen Stalin, statt ihn zu verteidigen.

Auch bei den theortischen Leistungen Stalins hätte man Konkretisierung erwartet wie „Über den Marxismus und die Fragen der Sprachwissenschaft“, „Marxismus und nationale Frage“ oder „Ökonomische Probleme des Sozialismus“.

In der Frühzeit der KPD/ML wurde vor allem Mao Tsetung studiert: Stalin zu 70 % gut und zu 30 % schlecht.
Erst in den 70er Jahren wurden die Stalin-Bände in der BRD wiederaufgelegt, zuerst von der Libresso-Buchhandlung Frankfurt, dann vom Verlag Roter Morgen. Die SED/DKP hatte die Auslieferung der Stalin-Werke eingestellt.
Die Gesamtausgabe war sehr teuer und die KPD/ML setzte sich vor allem aus Leuten unter 30 zusammen, Schüler, Lehrlinge und Studenten, die sich das nicht leisten konnten. Internet gab es ja damals noch nicht.

 

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