Unterschwellig

Die Chinesische Wollhandkrabbe. Das Bild ist kein Bestandteil des vorliegenden Artikels des ROTEN MORGEN.

ROTER MORGEN, 3. Jg., Juli/August 1969

Es gibt kaum etwas, das zu abseitig wäre, daß Springers BILD-Schreiber nicht daraus noch eine Story im Sinne der Völkerhetze fabrizieren könnten. So erschien BILD am 26. Juni 1969 mit der fünfspaltigen Schlazeile: „Hilfe! Die Querläufer aus China kommen“.

Sicher hat der Schreiber, der im Lexikon entdeckte, daß die Wollhandkrabbe 1910 aus China in europäische Gewässer eingeschleppt wurde, von Axel Cäsar ein Sonderlob erhalten. Wenn nicht, sollte man das nachholen, gab die „Entdeckung“ doch den background für eine unterschwellige Anti-China-Story. Das liest sich dann so:

Für die Besatzung des Stauwehrs und das Wasser- und Schiffahrtsamt heißt es wieder: Hilfe, die Querläufer aus China kommen.

Nanu, denkt der BILD-Leser, die Querläufer aus China, was wollen denn die hier? Was sie wollen, erfährt er sofort:

Jedes Jahr ist es der gleiche Ärger: Die Krabbenmassen verstopfen die Pumpen der Wehrsektoren, beißen den Anglern die Köder vom Haken, zerstören die Fischnetze, knabbern die gefangenen Flußfische in den Netzen an. Und: Sie sind eine Gefahr für die Flußvegatation.

Solch eine Schweinerei, schlußfolgert der Leser, da kann man mal sehen, wozu die „Chinesen“ in der Lage sind, sogar die Flußvegetation bedrohen sie. Doch das ist nicht alles, der Chef der Geesthachter Schleuse zu

BILD: Die Tiere vermehren sich rasend schnell. So einen Ansturm wie in diesem Jahr haben wir noch nicht erlebt.

Das weiß der Leser: Die Chinesen vermehren sich rasend, werden bald die ganze Erde besetzt haben, wenn wir nicht aufpassen und kämpfen. Das walte Cäsar, denkt BILD und schreibt:

Erste Kampfmaßnahme der Fluß-“Ingenieure“: Sie bauten eine spiegelglatte Blechblende quer über das Wehrufer und installierten Lichtfallen. Der Erfolg: Die Krabben sterben in Massen. Der Gestank ist gräßlich. Nur ein paar der  „Chinesen“ erreichen noch über Wiesen und Straßen die Oberreihe.

Gott sei dank, der Leser ist erleichtert, die Schlacht wurde gewonnen, die „gelbe Gefahr“ wurde gebannt. Nur ein paar „Chinesen“ entkamen.

Man muß die Massen nur rechtzeitig psychologisch auf den Kampf gegen die Chinesen vorbereiten. Schließlich weiß man bei BILD doch seit neustem, was man den Freunden im Kreml schuldig ist.

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