Kapitalismus am Abgrund

Das Bild ist kein Bestandteil des vorliegenden Artikels des ROTEN MORGEN.

ROTER MORGEN, 3. Jg., Juli/August 1969

Während die Wahlplakate der bürgerlichen Parteien in allen Regenbogenfarben das kapitalistische Paradies an die Wände malen, sieht es hinter den Wänden ganz anders aus: der Kapitalismus – das ist nicht länger zu verheimlichen – ist in seine schwerste Krise seit 1929 eingetreten. Damals rettete er sich nur durch Faschismus und Weltkrieg, und auch dadurch nur zum Teil. Daß es jedoch überhaupt so weit kam, lag nicht zuletzt am Versagen der Arbeiterklasse und ihrer Parteien, auch der kommunistischen. Die Fehler der Vergangenheit dürfen sich in der kommenden Krisenperiode nicht wiederholen. Es ist daher notwendig, daß die Avantgarde der Arbeiterklasse mit Vorrang eine mittelfristige Prognose der Wirtschafts- und sozialen Entwicklung ausarbeitet. Dazu soll dieser Artikel als Anregung dienen.

Die Unterdrückung des Weltproletariats und der unterjochten Nationen geschieht heute durch ein kompliziertes interimperialistisches Herrschaftssystem, das von außen einem stabilen Stahlgerüst gleicht, in Wirklichkeit jedoch ein Kartenhaus ist. Die Spitze dieses Kartenhauses bilden die beiden imperialistischen Supermächte USA und UdSSR. Sie sind, bei fortdauerndem Konkurrenzkampf um kleinere Neuaufteilungen der Einflußsphären, durch ein stabiles Bündnis verbunden (Zone A). Von Zone A sind mittlere imperialistische Mächte abhängig, die einerseits untereinander um Neuaufteilung des Einflusses kämpfen und die andererseits auch ihre Abhängigkeit von Zone A zu vermindern trachten (Zone B). Die Bundesrepublik und die DDR gehören beide zur Zone B, die eine im Westen, die andere im Osten. Der Klassenkampf in Zone A und B schien seit längerer Zeit erloschen zu sein, so daß man schon davon redete, der Kapitalismus habe sein Wesen völlig geändert. Eine marxistisch-leninistische Analyse hätte jedoch schon immer erklären können, welches die Bedingungen und die Gründe für die relative „Ruhe“ an der Front des Klassenkampfes in Zone A und B waren. Der erste Grund war ein relativ erträglicher Lebensstandard des größeren Teil des Proletariats: eine der notwendigen Bedingungen dafür waren die imperialistische Ausbeutung der südlichen Hemisphäre, die in ein System von Kolonien, Halbkolonien und Neokolonien verwandelt wurde (Zone C). Eine zweite Bedingung lag in der Vermeidung von Massenarbeitslosigkeit durch staatliche Manipulierung des kapitalistischen Zyklus. Beide Bedingungen ließen sich nur erfüllen, indem wachsende Widersprüche neuer Art produziert wurden, die zunächst quantitativ anwuchsen und die nun qualitativ zum Ausbruch kommen.

Die imperialistische Ausbeutung der Zone C führte dort zu absoluter Verelendung und millionenfachem Hungertod. Das Beispiel der befreiten Länder auf dem Wege zum Sozialismus (VR China, VR Albanien, DR Vietnam, bis zu einem gewissen Grade Cuba und Nordkorea) führte die Völker der Zone C zum bewaffneten Widerstand. Die USA versuchten, in Vietnam diesen Widerstand als abschreckendes Beispiel für die ganze Zone C niederzuschlagen. Dabei stellte sich jedoch heraus, daß heute alle Widersprüche des Systems eng miteinander verknüpft sind: Der Lebensstandard des Proletariats von A und B hängt u.a. von der Herrschaft über C ab: Deshalb mußte der Krieg in Vietnam geführt werden. Der Krieg in Vietnam brachte durch die Inflation jedoch das Funktionieren der antizyklischen Konjunkturplanung durcheinander.

Plötzlich sah sich das System zwischen zwei Gefahren: zu der Krise in Zone C drohte jetzt auch noch eine Krise in den Zonen A und B zu kommen. Deshalb beschlossen die USA den Rückzug aus Vietnam. Dieser Rückzug kann für sie allerdings nur als kontrollierter Rückzug vor sich gehen: es soll eine Karte aus der unteren Reihe des Kartenhauses herausgezogen werden, ohne daß das ganze Gebäude zusammenbricht. Die USA können sich also keinesfalls überstürzt und in einer Situation eklatanter Niederlagen auf dem Schlachtfeld zurückziehen: das wäre das Signal zum massiven Aufstand der Völker Asiens, Afrikas und Lateinamerikas. In einem solchen Falle werden sie lieber eine Wirtschaftskrise in Zone A und B in Kauf nehmen, in der Hoffnung, sie mildern und auf die „Partner“ abwälzen zu können.

Was bedeutet diese Lage nun für die Zone B, und besonders für die Bundesrepublik?

Der materielle Zusammenhalt zwischen Zone A und Zone B wird durch die internationalen Kapitalströme gewährleistet. Dieser Zusammenhalt ist also vom Weltwährungssystem abhängig. Es beruht im Westen auf dem Dollar, im Osten auf dem Rubel, wobei auch im Osten der Dollar eine wachsende Rolle spielt. Der Widerspruch zwischen dem Dollar als Pfeiler des Weltwährungssystems und dem Dollar als antizyklisches Manipulationsinstrument darf daher nicht über eine gewisse Größe anwachsen. Konkret: der Dollar darf eine Inflationsrate von 2 Prozent nicht langfristig überschreiten. Seit Ausbruch des Vietnamkrieges hat er diese Schwelle jedoch bei weitem überschritten. Das Vertrauen in den Dollar, auf dem der gesamte kapitalistische Austausch beruht, kann also nur durch ein Ende der galoppierenden Inflation in den USA wiederhergestellt werden. Ein rascher Abzug aus Vietnam wäre eine Möglichkeit – sie hängt nicht von Nixon, sondern vom FNL ab. Die zweite Möglichkeit ist eine Deflation auf dem Binnenmarkt der USA. Sie wird immer wahrscheinlicher, je schwindelerregender die Inflation und damit die Zinsen weiter steigen. Deflation hieße Protektionismus (Importstopp und träfe hauptsächlich Zone B.)

Damit gewinnt eine schwere Krise in Zone B an Wahrscheinlichkeit. Auch in Zone B stehen nämlich die Karten sehr wacklig: während früher die Konjunkturzyklen der westeuropäischen Länder phasenverschoben liefen, so daß das jeweilige Land, das sich in der Rezession befand, seine „Talsohle“ durch Exporte zum Teil ausfüllen konnte (Italien 1963/64; BRD 1966/67), laufen sie jetzt (aufgrund außergewöhnlicher Ereignisse) parallel. 1968 trat Frankreich in de Rezession ein: das französische Proletariat ließ die Arbeitslosigkeit und Lohnsenkung jedoch nicht wie ein Gewitter einfach über sich ergehen, es antwortete mit verschärftem Klassenkampf. Das zwang die französischen Kapitalisten dazu, mit Hilfe des Staates einen „ungesunden“ Boom hervorzurufen, um das Proletariat zu „beruhigen“.

Ebenso wurde der italienische Boom im Herbst 1968, als er natürliche Tendenzen zum „Kippen“ zeigte, künstlich verlängert. Der westdeutsche Boom dürfte nach einer verstärkt inflationären Periode, die bereits begonnen hat, im Herbst 1970 natürliche Tendenzen zum „Kippen“ zeigen.

1970 (genaue Daten lassen sich natürlich nicht angeben, es kann sich auch über längere Zeit hinziehen) könnte also sehr wohl ein „schwarzes Jahr“ für den Weltkapitalismus werden: in den USA droht Deflation und Protektionismus;  Großbritannien scheint bereits jetzt in eine verschärfte Rezession einzutreten; der französische Boom, der auf einer Inflationsrate von nahezu 10 Prozent beruht, wird sicher  „kippen“; schließlich geht auch die westdeutsche Konjunktur einer erneuten Tendenzwende (Vorzeichen gibt es möglicherweise bereits an der Börse) entgegen. Sollten all diese Rezessionen sich addieren, so würde daraus eine allgemeine, äußerst schwere Krise des westlichen Kapitalismus entstehen. Auch die von den Revisionisten angebotenen Sicherheitsventile könnten daran dann nichts Entscheidendes mehr ändern.

Marxisten-Leninisten machen nicht deshalb Analysen und Prognosen der Wirtschaftsentwicklung, um dann die Hände in den Schoß zu legen und auf den „Kladdaradatsch“ zu warten wie die Helden der II. Internationale und die heutigen Revisionisten. Die wichtigsten Erkenntnisse unserer Analyse bedeuten gerade das Gegenteil: ohne den langandauernden, heldenhaften Kampf des Volkes im südlichen Teil Vietnams, ohne den großen Streik des französischen Proletariats stände die Uhr des Kapitalismus heute nicht auf 5 Minuten vor zwölf. Zu den wichtigsten Karten im Gebäude des Kapitals gehören die Arbeiterklassen aller Länder und die übrigen ausgebeuteten Klassen. Diese „Karten“ können sich ihrer Rolle bewußt werden und sich weigern, noch länger im Gebäude des Kapitals zu stecken.

Auch das deutsche Proletariat darf diesmal nicht wieder versagen! Arbeiten wir daran, daß es sich seiner Lage und Verantwortung bewußt wird!
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Anmekung der Redaktion »Die Welt vor 50 Jahren«:  

Die  sogenannte „3-Zonen-Theorie“ Mao Tse Tungs von 1969 war der Vorläufer der sogennannten „3-Welten-Theorie“ Mao Tse Tungs. Die KPD/ML trennte sich endgültig 1977 von diesem antimarxistischen Theorien.
Hingegen behauptet die  MLPD noch heute, dass die „3-Welten-Theorie“ nicht von Mao Tse Tung , sondern von dem Revisionisten Deng Hsiao Ping entwickelt wurde. Doch als Deng Hsiao Ping an die Macht kam, ließ er die 3-Welten-Theorie in der Versenkung verschwinden zugunsten der sogenannten „Theorie Multipolare Welt“.

          

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