Kampf dem neuen Berufsbildungsgesetz – Kampf der Kapitalistenklasse!

Die Klassiker des Marxismus-Leninismus.

ROTER MORGEN, 4. Jg., Januar/Februar 1970

Am 1. September 1969 wurde das neue Berufsbildungsgesetz nach Berlin übernommen. Diese Tatsache nahm die Rote Garde Berlin seinerzeit zum Anlaß, um sich mit den Neuerungen dieses Gesetzes intensiver auseinanderzusetzen. Sie verbreitete die Ergebnisse ihrer Untersuchungen in einer „Rote Garde“- Agitationsbroschüre. Da diese Broschüre nur an Berliner Berufsschulen verteilt wurde, darüber hinaus jedoch kaum weitere Verbreitung fand (vor allem nicht in Westdeutschland) haben wir uns entschlossen, diesen Artikel noch einmal im ROTEN MORGEN abzudrucken. Das Ergebnis der Untersuchungen zeigte hauptsächlich, daß die „Verbesserungen“ im neuen Berufsbildungsgesetz nur auf verbesserte Ausbeutungsbedingungen abzielen. Es handelt sich ausschließlich um Verbesserungen im Interesse der Kapitalisten, die nie müde werden, alles auf die Erhöhung ihrer Profite abzustellen.

Das neue Gesetz unterscheidet sich in einigen Punkten vom bisherigen. Zunächst muß gesagt werden, daß es immer noch keine einheitliche Ausbildung für Industrie-, Handels- und Handwerkslehrlinge geben wird.

Seit 50 Jahren wird eine einheitliche Berufsausbildung von Gewerkschaften und Jugendverbänden gefordert und nichts passiert. Für die Lehrlinge in Klein- und Handwerksbetrieben bedeutet das weiterhin, daß sie mit dem, was sie in den kleinen Klitschen gelernt haben, in der Industrie kaum etwas anfangen können. In Klein- und Handwerksbetrieben gibt es nicht die Maschinen, die sie nachher in Großbetrieben finden. Da sie fast alle als billige Arbeitskräfte den Kleinunternehmern und Meistern den Profit schaffen müssen und wenig ausgebildet werden, haben sie nur wenig gelernt. Viele Meister und Kleinunternehmer kündigen den Lehrlingen mit der Gesellenprüfung, um neue Lehrlinge als billige Arbeitskräfte anzuheuern. Viele Kleinbetriebe gehen bankrott und das Handwerk siecht dahin, weil sie der Konkurrenz der Großbetriebe nicht standhalten. Da sie nicht das Geld haben, um sich die teuren, komplizierten Maschinen zu kaufen, können sie den Großbetrieben keine Konkurrenz machen. Also müssen sie sich mit den Abfall der Industrieaufträge begnügen, da sich die Großbetriebe die fetten Brocken selber sichern. Teilweise können sich die Klitschen damit über Wasser halten, zum großen Teil aber gehen sie kaputt. Denn in der kapitalistischen Wirtschaft darf man kein kleiner Kapitalist sein, man muß ein großer Kapitalist, eben ein Konzernboß, ein Großaktionär oder ein Bankherr sein. 1968 sind in Westberlin und Westdeutschland 2751 Betriebe Bankrott gegangen. Viele Gesellen müssen daher ihre Arbeitskraft in den Großbetrieben verkaufen. Allerdings haben sie einen schlechten Stand, weil sie im Vergleich zu den dort ausgebildeten Arbeitern wenig gelernt haben.

Da die Interessen der Handwerks- und Kleinbetriebe verschieden sind, mußte dieses Gesetz ein Kompromiß zwischen den verschiedenen Gruppen der Unternehmerklasse werden, der den einzelnen viel Spielraum läßt, um ihre Vorstellungen über Ausbildung durchzusetzen. Schon einige Unterschiede zwischen dem neuen und dem alten Gesetz zeigen das:

Die Überwachung der Berufsausbildung wird allein von den Vertretern der Unternehmer gemacht. Bisher waren wenigstens noch die Gewerkschaften an der Bestimmung der Ausbildungsprüfer beteiligt. Wie überwacht wird, liegt nicht fest. Im Handwerk ist den Ausbildern noch mehr Freizügigkeit gegeben, denn die Überwachung ist stark eingeschränkt.

Bisher waren wir Lehrlinge „vor Mißhandlungen und Beleidigungen“ ausdrücklich geschützt und „körperliche Züchtigungen“ waren „verboten“ (§ 14). Im neuen Gesetz steht nichts davon! Unsere Meister und Ausbilder brauchen sich also nicht mehr im Zaum zu halten und können uns erziehen, wie es ihnen gefällt. Vorfälle dieser Art sind ja aus Klein- und Handwerksbetrieben genügend bekannt.

Bisher bekamen wir Bildungsurlaub (§ !5). Im neuen Gesetz steht nichts davon!

Bisher mußten die Unternehmer bei Krankheitsfall aufgrund eines Arbeitsunfalls 12 Wochen lang weiterbezahlen (§16). Betriebsunfälle scheint es jetzt nicht mehr zu geben, denn im neuen Gesetz läßt sich nichts mehr darüber finden. Wir werden nur noch 6 Wochen lang weiterbezahlt. Es steht auch nichts davon drin – wie im alten Gesetz, daß die Krankenkasse die weitere Zahlung zu übernehmen habe.

Bisher hatten wir nur zwei Wochen Kündigungsfrist nach der Probezeit, wenn wir einen anderen Beruf lernen wollten (§ 18). Jetzt beträgt die Frist vier Wochen (§ 15). Wir müssen also länger bei dem Unternehmer arbeiten, obwohl wir bei dem gar nichts mehr lernen wollen.

Viele glauben, ein neues Gesetz muß besser sein, sonst braucht kein neues Gesetz gemacht zu werden. Dieses ist eine Verbesserung, aber nicht der Ausbildungsbedingungen der Lehrlinge. Die Verbesserung beschränkt sich auf die Unternehmer und ihrer Handlanger, die
Ausbilder und Meister. Die Ausbilder bekommen mehr Freizügigkeit in der Wahl ihrer Methoden. Die Lehrlinge sind fester an die Unternehmer gebunden. Die Unternehmer brauchen den kranken Lehrlingen nicht mehr soviel zu bezahlen.

Der wichtigste Punkt des neuen Gesetzes, die Bestimmung, die die Stufenausbildung ermöglicht, zeigt wohl am deutlichsten, daß besonders die Interessen der Industriebosse hinter diesem Gesetz stehen. Die technische Entwicklung der Produktion hat eine Neuordnung der Ausbildung notwendig gemacht. Die Verbesserung der Maschinen und die Weiterentwicklung der ganzen Produktion, die Neuordnung der Ausbildung der Lehrlinge richten sich danach, was den Kapitalisten am meisten Profit einbringt.

Da jeder Kapitalist versucht, selber am meisten Profit einzustecken, muß sein Betrieb billiger produzieren, um mehr zu verkaufen als alle anderen. Billiger produzieren heißt aber auch schneller produzieren. Dazu verstärkt der Besitzer der Produktionsmittel die Arbeitsteilung und schafft schnellere Maschinen an. 100 Arbeiter können z.B. mehr schaffen, wenn die ganze Arbeit, um eine Maschine zu bauen, unter ihnen aufgeteilt wird. Die Mehrzahl von ihnen muß dann immer einunddasselbe Teil der Maschine herstellen und wenige bauen dann diese Teile zusammen. Erst wenn jeder immer diesselbe einfache Arbeit macht, lohnt es sich für den Kapitalisten, schnellere Maschinen zur Herstellung der Einzelteile anzuschaffen. Indem der Arbeiter immer denselben einfachen Handgriff macht und dies mit der Zeit immer schneller, wird er selbst zur Maschine. Das ist eine Auswirkung dieser Arbeitsteilung, die Absicht ist die Erhöhung des Profits. Denn wird in derselben Zeit wie früher mehr hergestellt, sinken die Produktionskosten des Produktes, also kann der Kapitalist billiger verkaufen, wird mehr los und erhöht somit seinen Profit.

Die anderen Kapitalisten aber eifern dem ersten nach, um auch mehr zu verdienen. Sie verstärken auch die Arbeitsteilung und schaffen schnellere Maschinen an. Sie versuchen natürlich dies noch besser zu machen als ihr Konkurrent und ihn in den Preisen zu unterbieten. Also sieht sich der erste Kapitalist gezwungen, die Arbeitsteilung in seinem Betrieb noch mehr zu verstärken als die anderen usw.

Dieser Konkurrenzkampf um den Profit wird zum obersten Gesetz für den Kapitalisten und zwingt ihn, immer größere Summen in die Verbesserung der Produktion zu investieren.

Die Entwicklung der Produktionstechnik erhöht den Bedarf an Arbeitern, die nur einfache Arbeiten machen. Entsprechend werden immer weniger Arbeiter gebraucht, die den Überblick über verschiedene Maschinen, über die Abteilung, über die ganze Produktion haben. Nach diesem Bedarf richten die Industriebosse die Ausbildung der Lehrlinge aus und lassen sie durch ein neues Gesetz der Produktion anpassen und neu gliedern. Die Anpassung der Ausbildung an den Bedarf der Kapitalisten an mehr Arbeitskräften für einfache Arbeit und weniger für komplizierte wird schon seit 1951 betrieben und hat mit der Einführung der Stufenausbildung durch das neue Gesetz seinen bisherigen Höhepunkt erreicht.

Von 1951 bis 1957 sank der Anteil an qualifizierten Facharbeitern an der Gesamtzahl der Arbeiter von 47,6 % auf 44,8%.

Bis 1962 sank dieser Anteil weiter auf 41 % und bis 1966 unter 40 %.

Nach dem Stufenplan, den Krupp entwickelt hat, und der sein getreues Spiegelbild im neuen Gesetz gefunden hat, soll der Anteil an qualifizierten Facharbeitern in den nächsten Jahren auf 20 % heruntergesetzt werden. Der Bedarf an Arbeitern für einfache Arbeiten wird bei Krupp auf 70 % aller Arbeiter angesetzt. Die Berechnung gilt für die ganze metallverarbeitende Industrie, da der Produktionsaufbau des Krupp-Konzerns für diese Industrie typisch ist. Auch für den Handel kann er angewandt werden, weil die riesigen Kaufhäuser wie Karstadt, Coop usw. überall wie Pilze aus der Erde schießen und die kleinen Läden immer mehr verschwinden.

Der Stufenplan ist in vier Stufen unterteilt. Nach jeder Stufe gibt es eine Abschlußprüfung, nach der der Lehrling sofort im Beruf steht.

Die 1. Stufe dauert ein Jahr und bildet die Hilfsarbeiter aus. Sie werden nur für ganz einfache Arbeiten ohne theoretische Anforderungen auf einen einzigen Arbeitsplatz spezialisiert. Jeder vierte soll Hilfsarbeiter werden.

Die 2. Stufe dauert zwei Jahre und bildet die bisherigen Anlernarbeiter aus. Sie dürfen sich dann Facharbeiter 2. Klasse nennen. Auch sie sollen nur Handlanger werden, allerdings an verschiedenen Maschinen derselben Sorte z.B. verschiedene Stanzmaschinen. Zur Auswahl stehen die Berufe

Revolverdreher Hobler
Bohrer Schleifer
Fräser Teilezurichter

45 % aller Lehrlinge in den Betrieben, die die Stufenausbildung eingeführt haben, sollen Facharbeiter 2. Klasse werden.

Die 3. Stufe dauert 3 ½ Jahre und entspricht der bisherigen Lehre ( 3 – 3 ½ Jahre). Die Lehrlinge der 3. Stufe schließen als qualifizierte Facharbeiter ab, z.B.

Dreher Maschinenschlosser
Feinmechaniker Kraftfahrzeugschlosser
Werkzeugmacher
Schmelzschweißer Starkstromelektriker

Zu den Arbeiten gehören qualifizierte Einzelfertigung, Maschineneinrichten und -warten. Nur sie können Vorarbeiter oder Meister werden. Nur jeder fünfte aller Lehrlinge kann qualifizierter Facharbeiter werden. Wer z. B. Werkzeugmacher oder Maschinenschlosser werden will, muß nach 6 Wochen Grundausbildung, die alle Lehrlinge gemeinsam machen, eine Prüfung bestehen, die so schwer sein wird, daß nur jeder fünfte durchkommt. Denn mehr brauchen die Kapitalisten in Zukunft nicht, also lassen sie nicht mehr durchkommen. Wer die Prüfung nach einer Wiederholung nicht besteht, muß Facharbeiter 2. Klasse werden.

Die 4. Stufe schließt an die 3. an und bildet die Techniker aus. Sie werden die kleine Führungsgruppe und die rechte Hand der Betriebsingenieure stellen. Sie haben Ausbildungsaufgaben, stellen die Arbeits- und Zeitpläne auf und berechnen die Auftragszeiten für die neuen Ausbeutungssysteme wie MTM und work factor, wo für jeden Gedanken, für jede Augenbewegung und jeden Handgriff der Arbeiter eine festgelegte Zeit gegeben wird. Die Hilfsarbeiter und Facharbeiter 2. Klasse werden durch diese Systeme getrietzt und gehetzt und der Lohn wird dann nach der Leistung festgelegt.

Die Vorteile, die die Stufenausbildung der Kapitalistenklasse gibt, stechen in die Augen. Die Großaktionäre wollen dicke Dividenden einstreichen, also haben ihre hochbezahlten Handlanger, die Industriebosse, kein Interesse, viel Geld für die Ausbildung der Lehrlinge auszugeben und habe auch kein Interesse, hohe Löhne zu zahlen. Niedrige Ausbildungskosten und niedrige Löhne aber sind eine wichtige Voraussetzung für hohe Profite der Konzerne, also auch für die dicken Dividenden der Großaktionäre.

Die Ausbildung eines Lehrlings in 3 – 3 1/2jähriger Lehre kostet bisher ca. 12.000 DM – in den Großbetrieben. Wenn in Zukunft 70 % aller Lehrlinge in der Großindustrie nur noch ein bzw. zwei Jahre lang werden, sparen die Industriebosse an jedem Lehrling 7000 bzw. 4000 DM. Denn die Ausbildung für einen Lehrling in der 1. Stufe kostet ca. 5000 DM und in der 2. Stufe ca. 8000 DM. Das gesparte Geld wandert in die Taschen der Großaktionäre.

Wenn in Zukunft weniger Lehrlinge zu qualifizierten Facharbeitern ausgebildet werden, bezahlen die Industriebosse für immer weniger Arbeiter hohe Löhne. Auch mit diesem Geld werden sie ihren Aktionären die Taschen füllen. Auf diese Weise wird das Lohnniveau der ganzen Arbeiterklasse Stufe um Stufe gesenkt. Die Haupt- und Realschüler sind die nächsten, die nach dem Stufenplan ausgebildet werden.

Die Lehrlinge, die ihre Lehre vor dem 1. September begonnen haben und nicht von der Stufenausbildung betroffen sind, werden sagen: Das ist nicht unser Problem. Wir werden jetzt als qualifizierte Arbeitskräfte gebraucht.

Im Augenblick und vielleicht noch ein weiteres Jahr hält die Nachfrage nach Facharbeitern an,weil viele ungelernte ausländische Arbeiter jetzt die einfachen Arbeiten machen. Aber die Kapitalisten werden die Arbeitsteilung verstärken. Der Bedarf an qualifizierten Facharbeitern wird immer mehr zurückgeschraubt, und der Bedarf an einfachen Arbeitern wird steigen. Die Industriebosse können nicht unbeschränkt ausländische Arbeiter nach Deutschland holen, weil diese das hart erarbeitete Geld ihren Familien im Ausland zum Leben schicken. Im letzten Jahr waren es einige Milliarden DM. Im Ausland stecken aber nicht die deutschen Kapitalisten das Geld ein, sondern die ausländischen. In nicht allzu langer Zeit wird auch ein Teil der deutschen Facharbeiter zu Knöpfedrückern werden müssen, wenn sie leben wollen. Die Entqualifizierung der Arbeitskraft, die durch die Stufenausbildung mit großer Geschwindigkeit vorangetrieben wird, zwingt sie dazu. Hinzu kommt die Tatsache, daß die deutsche Arbeiterklasse durch die Teilung in eine Masse einfacher, niedrig bezahlter, und in eine kleine Schicht hochbezahlter Arbeiter gespalten wird.

Die Klasse der Konzernbosse, Großaktionäre und Bankherren hat den Plan mit der Stufenausbildung ausgeheckt und durch den Bundestag gepeitscht. Diese Bande von Reaktionären will damit die Ausbeutung, Verdummung und Unterdrückung der Arbeiterklasse noch weiter verstärken als bisher. Sie will sich noch mehr auf Kosten der Arbeiter, Arbeiterinnen und Lehrlinge bereichern und ihre Macht vergrößern. Sie spaltet die Arbeiterklasse, um sie zu schwächen und den Klassenkampf zu unterdrücken. Aber der Klassenkampf läßt sich durch kein Mittel unterdrücken. Der Sturm der Streiks der Stahlarbeiter und Kumpels hat den Kapitalisten diese Illusion schon aus dem Kopf geblasen. Selbst der Kampf der Arbeiterklasse gegen die Ausbeuter- und Unterdrückerklasse wird in allen Bereichen wiederaufflammen. Die Bewegung wird zu einem Sturm anschwellen, der die Kapitalistenklasse für immer von der Bühne der deutschen Geschichte fegen wird, wenn die Arbeiter sich von keiner SEW, von keiner DKP auf den Weg der Parlamentsmauscheleien irreleiten läßt.
Alle Haupt- und Realschüler, alle Lehrlinge und Jungarbeiter müssen sich an diesem Kampf aktiv beteiligen, denn sie gehören zum fortschrittlichsten Teil der Jugend und zur aktivsten Kraft der Gesellschaft.

Wir müssen dem Berufsausbildungsgesetz geschlossen entgegentreten und alle Jugendlichen zum Kampf gegen die Kapitalistenklasse mobilisieren.

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