Die nächste Krise kommt bestimmt!

«Das neue Verhältnis zwischen Arbeiter und Unternehmer». Karikatur aus dem «Neuen Postillon», Zürich, Schweiz 1896. Das Bild ist kein Bestandteil des vorliegenden Artikels des ROTEN MORGEN.

ROTER MORGEN, 3. Jg., November 1969

Als Marx und Engels im Jahre 1850 in ihrem Londoner Exil auf die hinter ihnen liegenden Jahre zurückblickten und die Gründe untersuchten, die zum Erlöschen der Revolution geführt hatten, kamen sie zu dem Schluß: „Bei dieser allgemeinen Prosperität, worin die Produktivkräfte der bürgerlichen Gesellschaft sich so üppig entwickeln, wie dies innerhalb der bürgerlichen Verhältnisse überhaupt möglich ist, kann von einer wirklichen Revolution keine Rede sein . . . Eine neue Revolution ist nur möglich im Gefolge einer neuen Krise. Sie ist aber auch ebenso sicher wie diese.

“Die felsenfeste Überzeugung, daß der Kapitalismus immer neue Krisen hervorbringen muß, die schließlich die Existenz dieses Systems in Frage stellen, diese Überzeugung hatten die Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus aus der Analyse dieses Systems, aus der Erkenntnis seiner Widersprüchlichkeit gewonnen. Die Krise, so erkannte Marx, ist das unvermeidliche Ergebnis des Hauptwiderspruchs dieses Systems, des Widerspuchs zwischen gesellschaftlicher Produktion und privater Aneignung.

In der klassischen Geburtsurkunde des wissenschaftlichen Sozialismus, dem Kommunistischen Manifest, weisen Marx und Engels darauf hin, daß die Bourgeoisie in ihrer kaum hundertjährigen Herrschaft massenhaftere und kolossalere Produktivkräfte geschaffen hat als alle vergangenen Generationen zusammen. Die von der Gesellschaft geschaffenen Produktivkräfte sind aber zu gewaltig geworden für die bürgerlichen Eigentumsverhältnisse, die bürgerlichen Eigentumsverhältnisse zu eng, um den von ihnen erzeugten Reichtum zu fassen. Immer wieder kommt es zu „Handelskrisen … welche in ihrer periodischen Wiederkehr immer drohender die Existenz der ganzen bürgerlichen Gesellschaft in Frage stellen. In den Handelskrisen wird ein großer Teil nicht nur der erzeugten Produkte, sondern der bereits geschaffenen Produktivkräfte regelmäßig vernichtet. In den Krisen bricht eine gesellschaftliche Epidemie aus, welche allen früheren Epochen als ein Widersinn erschienen wäre – die Epidemie der Überproduktion.“ Die Bourgeoisie, so sagten Marx und Engels weiter, hat nur ein Mittel, die Krisen zu überwinden: „Einerseits durch die erzwungene Vernichtung einer Masse von Produktivkräften; andererseits durch die Eroberung neuer Märkte und die gründliche Ausbeutung alter Märkte. Wodurch also? Dadurch, daß sie allseitigere und gewaltigere Krisen vorbereitet und die Mittel, den Krisen vorzubeugen, vermindert.“

Demonstration Deutschland, 1930. Das Bild ist kein Bestandteil des vorliegenden Artikels des ROTEN MORGEN.

Die Unvermeidbarkeit der Krisen unterstreicht auch Lenin, der im Jahre 1908 den Revisionisten den Vorwurf macht, sie hätten die marxistische „Krisen- und Zusammenbruchstheorie“ nicht verstanden: „Die Formen, die Aufeinanderfolge, das Bild der einzelnen Krisen änderte sich, doch die Krisen blieben ein unvermeidlicher Bestandteil der kapitalistischen Ordnung“. In dem Aufkommen der Kartelle und der Riesentrusts, die die Klassengegensätze in einem nie dagewesenen Maße verschärfen, sieht Lenin einen Beweis dafür, „daß der Kapitalismus dem Zusammenbruch entgegengeht – sowohl im Sinneeinzelner politischer und ökonomischer Krisen als auch im Sinne des völligen Zusammenbruchs der ganzen kapitalistischen Ordnung.“

Nun könnte man sagen, daß der „Zusammenbruch“ der kapitalistischen Ordnung ja nicht stattgefundnen hat, daß dieses System – bisher wenigstens – immer wieder Auswege fand, seine Krisen zu überwinden. Und verzeichnen wir nicht gerade heute wieder eine „allgemeine Prosperität, worin die Produktivkräfte der bürgerlichen Gesellschaft sich üppig entwickeln?“ Es fehlt auch nicht an Propheten, die daraus die These ableiten wollen, der Kapitalismus sei imstande, „Wohlstand für alle“ zu schaffen und ein krisenfreies, ständiges Wirtschaftswachstum zu erreichen.

Was zunächst den „Wohlstand für alle“ betrifft, so wollen wir nur an einige Tatsachen erinnern: In den 17 Jahren von 1950 bis 1966 haben die westdeutschen Unternehmen aus ihrem laufenden Einkommen ein Sachvermögen von mehr als 600 Milliarden DM akkumuliert (angehäuft). Dieses riesige Vermögen ist das Ergebnis unbezahlter Arbeit von Lohnabhängigen. Die Sachvermögensbildung der Unternehmen übersteigt Jahr für Jahr 55 bis 60 Milliarden DM. Tausend Größtunternehmen akkumulieren jährlich mehr Kapital, als zwanzig Millionen bundesdeutsche Haushalte sich jährlich ersparen können. So kam selbst die FDP in einer Wahlanzeige zu dem Schluß, daß der Arbeitnehmeranteil am Gesamtvermögen laufend sinkt. Er lag nach dieser Quelle im Jahre 1950 noch bei 40,5 % und betrug 1967 nur noch 23,9 %.

Diese Zahlen bestätigen in eindrucksvoller Weise die von Marx vorausgesagte ständig fortschreitende Konzentration des Kapitals in immer weniger Händen, und nach Schätzungen bürgerlicher Nationalökonomen wird in wenigen Jahren die gesamte westliche Wirtschaft von 300 Großkonzernen beherrscht werden. Diese Entwicklung bekommt in immer stärkerem Maße auch der Mittelstand – Bauern, Handwerk und Einzelhandel – zu spüren. Immer mehr Kleineigentümer fallen dem Vordringen des Großkapitals zum Opfer. Die Kluft zwischen den Besitzern der Produktionsmittel, die den Reichtum der Gesellschaft in ihren Händen konzentrieren, und den Nichtbesitzern von Produktionsmittel wird immer größer.

Der „Zusammenbruch“ der kapitalistischen Ordnung vollzieht sich freilich nicht so, wie ihnmanche sich vorgestellt haben mögen, und wir sollten dieses Wort, das mißverständliche Deutungen zuläßt, unbedingt vermeiden. Gewiß ist das Ende des Kapitalismus nicht als ein einzelnes, katastrophenartiges Ereignis zu erwarten, es vollzieht sich vielmehr als langer und schwieriger Prozeß, bei dem die herrschenden Klassen immer wieder versuchen, auf Kosten der arbeitenden Massen und der ausgebeuteten Völker eine Galgenfrist zu gewinnen,und selbst dort, wo sie gestürzt wurden (Sowjetunion u. a.) ihre Herrschaft zu restaurieren. Jeder Tag aber liefert neue Beweise dafür, daß dieses bürgerliche Wirtschaftssystem nicht in der Lage ist, seine inneren Widersprüche zu überwinden und daß diese Widersprüche letztenEndes immer mehr an Schärfe zunehmen müsssen. So zeigt sich, daß trotz des Verrates der sowjetrevisionistischen Führungsclique, die in der Sowjetunion den Kapitalismus restauriert, der revolutionäre Kampf der Volksmassen in aller Welt gegen ihre nationalen und internationalen Ausbeuter unaufhörlich wächst. Nicht nur in Asien, Lateinamerika und Afrika wächst der Kampf, auch in den kapitalistischen Hochburgen, den USA, in Japan, in Italien und Frankreich in Europa, spitzen sich die Klassenkämpfe zu.
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Weltkrieg und Weltwirtschaftskrise

In der Geschichte des Kapitalismus stellen der erste Weltkrieg und die Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre entscheidende Wendepunkte dar. Die Bourgeoisie hatte, wie Marx es voraussagte, dem ganzen Erdball ihre Herrschaft aufgedrängt, im Kampf um die Eroberung neuer Märkte aber auch die Grenzen dieser äußeren Expansion erreicht. Die imperialistischen Mächte hatten die Welt in ihre Herrschaftsgebiete aufgeteilt. Der deutsche Imperialismus, der in den Wettlauf um die Beherrschung der Kolonien mit Verspätung eingetreten war, war bei dieser Aufteilung zu kurz gekommen; er drängte auf eine Neuaufteilung der Kolonien; dies um so mehr, als er den weltbeherrschenden britischen Imperialismus nicht nur in bezug auf die Höhe der Industrieproduktion überrundet hatte, sondern ihn auch durch einen höheren Grad der Organisiertheit des Kapitals übertraf. Der erste Weltkrieg stand damit auf der Tagesordnung. Irgendein Anlaß mußte dazu führen, daß sich die Gegensätze zwischen dem deutschen und dem britischen Imperialismus in einem Krieg entluden.

«Das neue Verhältnis zwischen Arbeiter und Unternehmer». Karikatur aus dem «Neuen Postillon», Zürich, Schweiz 1896. Das Bild ist kein Bestandteil des vorliegenden Artikels des ROTEN MORGEN.

Das Ergebnis dieses Krieges war freilich ganz anders, als es sich die kämpfenden Parteien vorgestellt hatten. Auf der einen Seite bot der Krieg für die USA die Gelegenheit, den erstenPlatz in der Reihe der kapitalistischen Mächte weiter auszubauen und den Abstand zu den europäischen Ländern enorm zu vergrößern; auf der anderen Seite kam es in einer Reihe von Ländern zu Revolutionen und zum Sturz der herrschenden Regime. Mit dem Entstehen der Sowjetunion, dem ersten sozialistischen Staat, wurde vor der ganzen Welt eine Alternative zum Kapitalismus, eine Alternative zu diesem System mit seinen unvermeidlichen Krisen und Kriegen, deutlich.

Nachdem der Krieg so viele Produktivkräfte vernichtet und damit die sonst den Krisen zufallende Funktion viel gründlicher erfüllt hatte, als diese je vermocht hätten, brach zunächst wieder eine Periode der Hochkonjunktur an, und es konnte scheinen, als sei der Kapitalismus endgültig von der Krisenkrankheit geheilt. Der Präsident der USA, Coolidge, versicherte am 4.12.1928 in seiner Jahresbotschaft an den Kongreß: „Noch nie hat der Kongreß der Vereinigten Staaten bei der Analyse der Gesamtlage des Landes bessere Aussichten vor sich gehabt, als sie gegenwärtig bestehen . . . Wir können die Gegenwart mitGenugtuung betrachten und der Zukunft mit Optimismus entgegensehen.“ Die Autoritäten der bürgerlichen Nationalökonomie wurden nicht müde, zu versichern, der Konjunkturzyklus habe sich gewandelt, und es sei nunmehr eine ständige wirtschaftliche Aufwärtsentwicklung ohne Krisen möglich.

Die Weltwirtschaftskrise, die im Jahre 1929 dann hereinbrach, die in allen Industrieländern einen enormen Rückgang der Produktion, eine Zerrüttung des Welthandels und der Währungen mit sich brachte, zum Aufkommen faschistischer Regime in einer Reihe von Ländern und schließlich zum zweiten Weltkrieg führte, hat diese Illusionen gründllich zerstört. Diese Krise erschütterte die kapitalistische Herrschaft bis in die Grundfesten, sie wurde zur allgemeinen Krise des Kapitalismus. Sie setzte die Ablösung dieses Systems durch den Sozialismus auf die Tagesordnung.
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Der Staat muß helfen

Die Antwort, die die herrschenden Klassen auf diese Bedrohung fanden, bestand auf politischem Gebiet in der Förderung und Unterstützung faschistischer Organisationen zur Unterdrückung der Arbeiterbewegung, in der Wirtschaftspolitik in dem Versuch, die Mittel ihres Staatsapparates für die Wiederankurbelung der Konjunktur zu mobilisieren. Die theoretische Begründung hierfür lieferte der britische Nationalökonom John Maynard Keynes, der das „deficit spending“, das heißt das Schuldenmachen zum Zweck der Wirtschaftsbelebung, als Heilmittel anpries. Keine Rede mehr von einer Politik der ausgeglichenen Staatshaushalte, keine Rede mehr davon, daß der Staat sich aus der Wirtschaft herauszuhalten habe und dem freien Spiel der Marktwirtschaft keine Schranken auferlegen solle. Die kapitalistische Wirtschaft hatte sich als unfähig erwiesen, von selbst ihre Krisen zu überwinden.
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Rüstungswirtschaft und Inflation

Die große Wirtschaftskrise der dreißiger Jahre hat den Bestand des kapitalistischen Systems so ernsthaft bedroht, daß die herrschenden Klassen alles tun, um die Wiederholung einer solchen Krise zu verhindern, auch wenn dies eine Politik der fortgesetzten Inflation bedeutet. Zwar finden sich gelegentlich Stimmen, so etwa in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und in Reden des Bundesbankpräsidenten Blessing, die vor einer Überbetonung der „Wachstumspolitik“ warnen und dem gegenüber der Erhaltung des Geldwertes den Vorrang zuerkennen wollen. Diese Kritiker übersehen freilich, daß es dem kapitalistischen System gar nicht möglich ist, Vollbeschäftigung und Geldwertstabilität gleichzeitig zu verwirklichen. Und es ist keineswegs zufällig, daß während der Eisenhower-Ära in den USA, der Versuch, zur „Staatshaushaltsorthodoxie“ zurückzukehren, prompt zu einem scharfen Konjunkturrückgang führte, so daß die industrielle Erzeugung innerhalb von neun Monaten um 13,1 % zurückging. Bedenkt man , daß der entsprechende Rückgang in den ersten neun Monaten der Weltwirtschaftskrise 1929/1930 in der gleichen Größenordnung lag, nämlich 15,9 % betrug, so wird man zu dem Schluß kommen, daß nur die rasche inflationäre Geldschöpfung – und der bereits ungeheure Umfang der staatlichen, vor allem der Militärausgaben – die USA vor einem neuen 1929 bewahrten.

Zu der gleichen Feststellung kommen auch Autoren wie Baran und Sweezy, die feststellen, „daß der Unterschied zwischen der tiefen Stagnation der dreißiger und der relativen Prosperität der fünfziger Jahre völlig auf die hohen Rüstungsausgaben in den 50er Jahren zurückgeht.“ . . . „Der Prozentsatz an Arbeitskräften, die entweder unbeschäftigt oder von Rüstungsausgaben abhängig sind, war 1961 etwa der gleiche wie 1939. Daraus folgt, daß die Arbeitslosigkeit, würde der Rüstungshaushalt auf den Umfang von 1939 reduziert, ebenfalls wieder die Ausmaße von 1939 annehmen würde.“ Dies weist auf einen Faktor hin,der für die vom Monopolkapital betriebene Wirtschaftspolitik von immer größerer Bedeutung geworden ist: die hohen und ständigen steigenden Rüstungsausgaben. Die sich allein in den USA auf jährlich 70 Milliarden Dollar belaufen.

Alle diese Tatsachen lassen erkennen, daß das Monopolkapital die Rüstung, die Vorbereitung des Krieges, wenn nicht sogar den Krieg selbst (Vietnam) unbedingt braucht, um der immer wieder drohenden Gefahr einer neuen Wirtschaftskrise zu entgehen. Das Monopolkapital kann ohne Kriegsvorbereitung und Krieg nicht mehr leben. Daraus folgt aber auch, wie illusionistisch die von Chruschtschow und seinen kritiklosen Nachbetern verkündete Parole der „Abrüstung“ ist. Da die Rüstung für die herrschenden monopolkapitalistischen Regime unentbehrlich ist, wird Abrüstung erst dann verwirklicht werden können, wenn die unterdrückten Völker und die arbeitenden Klassen in den entscheidenden Ländern der Welt der Herrschaft des Imperialismus ein Ende gemacht habenwerden.

An dem ständig steigenden Umfang der Rüstungsausgaben zeigt sich sehr deutlich, daß der Kapitalismus immer parasitärer wird. Wenn die „Vollbeschäftigung“ nur aufrecht erhalten wird, indem Millionen Arbeiter und ein großer Teil der Produktionsanlagen für eine volkswirtschaftlich nutzlose Täätigkeit eingesetzt werden, so zeigt sich damit deutlich der Widersinn und die Widersprüchlichkeit des Kapitalismus, der zwar gigantische Produktivkräfte geschaffen hat (und damit auch die Voraussetzungen dafür , daß alle Menschen ein menschenwürdiges Leben führen könnten), der aber andererseits, um die private Verfügungsmöglichkeit über diese Produktivkräfte zu erhalten, gezwungen ist, einenimmer größeren Teil dieser Produktivkräfte für eine sinnlose Produktion einzusetzen und imsprichwörtlichen Sinne zu verpulvern (Vietnam).
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Immer wieder Währungskrisen

Wie wenig der Kapitalismus imstande ist, die ihm innewohnenden Widersprüche zu überwinden, zeigt auch die Tatsache, daß es trotz der ständig wachsenden Rüstungsausgaben immer wieder zu Rezessionen, zu Rückgängen der Industrieproduktion, kommt. Es ist dem Kapitalismus auf längere Sicht unmöglich, Wirtschaftsschwankungen zu vermeiden oder gar eine Verschärfung der Rezessionen zu verhindern. Nur durch permanente Inflation ist es ihm zur Zeit noch möglich, drohende schwere Wirtschaftskrisen abzumildern. Gerade diese permanente Inflation ist es aber, die durch die Aushöhlung der Währungen erhebliche Erschütterungen des kapitalistischen Weltsystems auf uns zukommenläßt. Entsprechend äußerte sich der bürgerliche französische Nationalökonom Jacques Rueff, der kürzlich in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und in „Le Monde“ das internationale Währungssystem analysierte und dabei die Feststellung traf: „Der klare Beweis für die Zerüttung des westlichen Währungssystems ist die stete Wiederkehr großer Währungskrisen, wie sie durch die Kapitalfluchtbewegungen ausgelöst werden.“

Am weitesten fortgeschritten auf dem Wege der permanenten Inflation sind die USA. Dort droht die Inflation, selbst nach den Worten ihres Finanzministers David Kennedy, zu einer „galoppierenden“ zu werden. In erster Linie ist diese Entwicklung eine Folge des Vietnam-Krieges und der ständig erhöhten Rüstungsausgaben. Die US-Regierung versucht – nicht ohne Erfolg – die dem Dollar drohenden Gefahren auf ihre „Verbündeten“ abzuwälzen und diese an der Inflation zu beteiligen. Nichts anderes bedeuten im Grunde die jüngsten Beschlüsse des Weltwährungsfonds.

Wenn die herrschenden Kreise ihre Zuflucht zur Inflation nehmen, um der drohenden Gefahr von Konjunkturrückschlägen zu entgehen, so handeln sie gemäß dem Motto: „Nach uns die Sintflut!“ Sie tun dies in klarer Erkenntnis der Tatsache, daß der Kapitalismus durch eine neue große Krise in seiner Existenz bedroht wäre. Die weltweite permanente Inflation ist somit die Form, in der die Krise des Kapitalismus, seine tiefen und unlösbaren Widersprüche, vorwiegend zum Ausdruck kommen. Das heißt keineswegs, daß die Inflationdie einzige Erscheinungsform dieser Krise bleiben muß. Denn erstens vermag auch die Inflationspolitik keineswegs den Ablauf des Konjunkturzyklus und das Aufkommen neuer „Rezessionen“ zu verhindern, und zweitens werden die Regierungen, sollte die Entwicklungzur „galoppierenden“ Inflation treiben, sich zu scharfen Maßnahmen gezwungen sehen. Diese müßten dann unvermeidlich zu einer Deflation, zu Massenentlassungen und Produktionsrückgängen führen.

Es kann aber auch sein, daß die USA als die führende imperialistische Macht zielbewußt auf die Ausweitung des Indochina-Krieges zusteuern und versuchen – womöglich gemeinschaftlich mit der Sowjetunion – den Krieg nach China zu tragen. Vielleicht hoffen due Vertreter des „militärisch-industriellen Komplexes“, welche die tatsächliche Regierung der USA bilden, auf diese Weise einen Ausweg aus ihren immer größer werdenden Schwierigkeiten und aus dem Dilemma in Vietnam finden und dadurch zugleich auch ihre „Verbündeten“ wieder fester an sich binden zu können. Wenn diese Hoffnungen auch, wie wir als Marxisten-Leninisten wissen, vergeblich sein werden, und ihren Untergang nur beschleunigen wird, so ist die Verlockung für die Imperialisten, auf diese Weise neuen drohenden Währungs- und Wirtschaftskrisen zu entgehen, doch außerordentlich groß.

Ein Rückblick auf die Geschichte des Kapitalismus zeigt, daß die Widersprüche dieses Wirtschaftssystems keineswegs aus der Welt geschafft, geschweige denn gemildert werden konnten. Gerade das ungeheure Anwachsen der Produktivkräfte, die Konzentration der wachsenden Reichtümer in immer weniger Händen, zeigt, daß der Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Produktion und privater Aneignung immer schärfer wird. Die Produktivkräfte sind zu gewaltig geworden für die bürgerlichen Eigentumsverhältnisse; die Krisenanfälligkeit dieses Systems ist keineswegs beseitigt; seine Ersetzung durch den Sozialismus steht auf der Tagesordnung.

Die Tatsachen zeigen aber auch, daß die Gefahren von den arbeitenden Klassen nur unzureichend erkannt werden. Der Bewußtseinszustand der arbeitenden Bevölkerung in Westdeutschland wurde kürzlich vom „Spiegel“ durchaus zutreffend mit der Feststellung charakterisiert: „Es gehört zu den bemerkenswertesten Leistungen der christlich-demokratischen Regierungsmehrheit, den Bundesbürgern, die überwiegend vermögenslos sind, das Gefühl vermittelt zu haben, Besitzbürger zu sein.“ Wenn die Bevölkerung in so breitem Maße in bürgerlichen Illusionen befangen ist, so ist dies nicht zuletzt auch eine Folge der von der SED/KPD seit Jahren betriebenen Politik, die durch ihren Verrat an den revolutionären Prinzipien des Marxismus-Leninismus, die westdeutschen Werktätigen anstatt auf die Führung des Klassenkampfes zum Sturz der Monopobourgeoisie auf einen systembejahenden unverbindlichen pazifistischen „Friedenskampf“ orientierten.

Ist somit die Arbeiterklasse in der Bundesrepublik so gut wie unvorbereitet gegenüber den drohenden Gefahren, so steht es ganz anders um die herrschende Klasse. Sie weiß genau, was zu erwarten steht und hat nicht zuletzt aus diesem Grunde mit allen Mitteln die Notstandsgesetzgebung durchgesetzt! Und sie wird natürlich versuchen, die kommende Krise auf Kosten der Werktätigen zu ‚lösen‘.

Die kommenden Auseinandersetzungen wird die Arbeiterklasse nur bestehen können, wenn sie über eine revolutionäre, marxistisch-leninistische Partei verfügt, die eng mit der Arbeiterschaft verbunden ist, die kritisch die Wirklichkeit zu erkennen versteht und in der Lage ist, die Massen zum Bewußtsein ihrer wirklichen Lage zu bringen und ihnen die Einsicht in ihre historische Aufgabe zu vermitteln. Die KPD/ML bemüht sich, eine solche Partei zu werden.

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