Die revolutionäre Klasse ist die Arbeiterklasse

Symbolbild: Arbeiter/innenklasse. Das Bild ist kein Bestandteil des vorliegenden Artikels des ROTEN MORGEN

ROTER MORGEN, 5. Jg., Sondernummer, 27. Dezember 1971

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Die proletarische Linie hält daran fest:

Die revolutionäre Klasse ist die Arbeiterklasse

Die proletarische Linie in der Partei entlarvt den Angriff auf den historisch bewiesenen Grundsatz des Marxismus-Leninismus, daß das Proletariat im Kapitalismus die revolutionäre Klasse ist.

Marx hat im „Kommunistischen Manifest“ die revolutionäre Rolle der Arbeiterklasse folgendermaßen beschrieben:  „Von allen Klassen, welche heutzutage der Bourgoeisie gegnüberstehen, ist nur das Proletariat eine wirklich revolutionäre Klasse. Die übrigen Klassen verkommen und gehen unter mit der großen Industrie, das Proletariat ist ihr eigenstes Produkt.

Die Mittelstände, der kleine Kaufmann, der Handwerker, der Bauer, sie alle bekämpfen die Bourgeoisie, um ihre Existenz als Mittelständler vor dem Untergang zu sichern. Sie sind also nicht revolutionär, sondern konservativ. Noch mehr, sie sind reaktionär, denn sie suchen das Rad der Geschichte zurückzudrehen.

Karl Marx. Abbildung ähnlich wie im Original.

Sind sie revolutionär, so sind sie es im Hinblick auf den ihnen bevorstehenden Übergang ins Proletariat, so verteidigen sie nicht ihre gegenwärtigen, sondern ihre zukünftigen Interessen, so verlassen sie ihren eigenen Standpunkt, um sich auf den des Proletariats zu stellen.“ (Marx, Manifest)

Auch unter den gegenwärtigen Verhältnissen, auch für die unterdrückten Völker gilt die führende Rolle der Arbeiterklasse in der Revolution.

„Die demokratische Diktatur des Volkes braucht die Führung durch die Arbeiterklasse; denn die Arbeiterklasse ist am weitsichtigsten und selbstlosesten, sie ist am konsequentesten revolutionär. Die ganze Geschichte der Revolution zeugt davon, daß die Revolution zum Scheitern verurteilt ist, wenn sie nicht von der Arbeiterklasse geführt wird, daß sie aber unter Führung der Arbeiterklasse siegreich ist.“ (Rotes Buch S.48)

Auf der 2. Sitzung des außerordentlichen Parteitags der KPD/ML bildete die Revision dieses Grundsatzes die gemeinsame Grundlage der verschiedenen kleinbürgerlichen Schattierungen:

  1. der menschewistischen Gruppe, die offen auf die sofortige Liquidierung der Partei hinarbeitete und statt des Aufbaus der Partei die Auflösung der Partei in Debattierzirkel und die Herausgabe eines theoretischen Organs plant:
  2. der menschewistischen Gruppe, deren Ziel es ist, für die kleinbürgerlichen Klasseninteressen die Herrschaft in der Partei zu erobern; und die aus dem Grunde zwar nach der Liqudierung des bolschewistischen Charakters der Partei trachtet, keinesfalls aber der Liquidierung der Partei überhaupt zustimmt;
  3. den Versöhnlern, die sich nur dann auf die Seite der proletarischen Linie gestellt hätten, wenn sich diese in der Mehrheitsposition befunden hätte.

Die einheitliche revisionistische Grundlage dieser drei Schattierungen tritt nicht auf den ersten Blick offen zutage. Der Revisionismus tarnt sich mit ständiger Berufung auf Lenins „Was tun?“, also mit einem gewissen Dogmatismus, der gerade das Gegenteil von Revision zu sein scheint. Tatsächlich sind alle Sätze, die von der kleinbürgerlichen Zitiermühle unentwegt heruntergerasselt werden, in „Was tun?“ auch zu finden:

„Das moderne sozialistische Bewußtsein kann nur entstehen aufgrund tiefer wissenschaftlicher Einsicht.“

„Wir haben gesagt, daß die Arbeiter ein sozialdemokratisches Bewußtsein gar nicht haben konnten. Dieses konnte ihnen nur von außen gebracht werden. Die Geschichte aller Länder zeugt davon, daß die Arbeiterklasse ausschließlich aus eigener Kraft nur ein trade-unionistisches Bewußtsein hervorzubringen vermag, …“

„Der Träger der Wissenschaft ist aber nicht das Proletariat, sondern die bürgerliche Intelligenz.“

Diese Sätze, die entweder stets nur eine Seite des ganzen dialektischen Zusammenhangs in „Was tun?“  darstellen oder einfach polemische Überspitzungen Lenins sind, um mit besonders grellen Farben den bürgerlichen Charakter des Ökonomismus herauszustellen, – diese Sätze werden von unseren Theoretikern des Kleinbürgertums mit revisionistischer Manier aus der besonderen Bedeutung, die sie im Text habe, herausgerissen; sie werden zusammengestellt, und es wird mit ihnen ein Zusammenhang konstruiert, der jetzt nicht nur als die konzentrierte Aussage von „Was tun?“ ausgegeben wird, sondern als der allgemeingültige Kern der Wissenschaft vom Parteiaufbau. Wenn man diesem ganzen Flickwerk auf die Schliche gekommen ist, erweist sich das ganze dogmatische Geschrei als durchtriebene Fälschung.

Es beginnt damit, daß die Fälscher den polemischen Charakter von „Was tun?“ unterschlagen. Lenin selbst hat mehrmals ausdrücklich festgestellt, daß es falsch ist, „Was tun?“ unabhängig von der Auseinandersetzung mit den Ökonomisten zu betrachten.

„Und ich dachte auch auf dem zweiten Parteitag nicht daran, speziell meine eigenen Formulierungen, die ich in „Was tun?“ gegeben hatte, für etwas „Programmatisches“, besondere Prinzipien Darstellendes auszugeben. Im Gegenteil, ich wandte den später so oft zitierten Vergleich mit dem überspannten Bogen an. In „Was tun?“ wird der von den „Ökonomisten“ überspannte Bogen wieder ausgerichtet, sagte ich, und gerade weil wir die Verkrümmungen energisch wieder ausrichten, wird unser „Bogen“ immer der straffeste sein.

Der Sinn dieser Worte ist klar: „Was tun?“ korrigiert polemisch den „Ökonomismus“, und es ist falsch, den Inhalt der Broschüre außerhalb dieser Aufgabe zu betrachten“

(Lenin Bd. 13, S. 99 – 100, siehe auch Bd. 13, S.93 -94)

Es zeigt sich schon hier, Fälscher, Revisionisten sind schlechte Dogmatiker. Sie können eben nicht die Werke der Klassiker korrekt wiedergeben, sie können sich nur oberflächlich an einige Buchstaben klammern, aber nicht das Wesen der Sache darstellten, sie können nie das Ganze eines Themas ausführen, sondern immer nur die wenigen Sätze herausklauben, die sie für ihre eigenen Interessen verwenden können.

Das zeigt sich besonders an dem zentralen Punkt der Auseinandersetzung zwischen der proletarischen Linie und der bürgerlichen Linie, der Frage:
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Wie entsteht das Klassenbewußtsein der Arbeiter?  

Die proletarische Linie ist der Auffassung, daß sich das Klassenbewußtsein der Arbeiter spontan bildet, und zwar durch die Kämpfe, die die Arbeier aufgrund ihrer Stellung in der sich  ständig entwickelnden Gesellschaft mit Notwendigkeit immer führen.

Ebenso wie der Klassenkampf durchläuft auch das Klassenbewußtsein verschiedene Entwicklungsstufen.

„Das Proletariat macht verschiedene Entwicklungsstufen durch. Sein Kampf gegen die Bourgeoisie beginnt mit seiner Existenz.“ (Manifest)

Dieser Kampf kann unter bestimmten historischen Bedingungen wie eine Glut dahinschwelen, die wenig Sauerstoff enthält. So ist es zur Zeit noch bei uns in Westdeutschand. Und dementsprechend niedrig ist das Klassenbewußtsein der Arbeiter. Aber aus der Tatsache, daß die Arbeiterklasse in einer bestimmten historischen Phase kein hohes Maß an Klassenbewußtsein ausgebildet hat, darf nicht die Konsequenz gezogen werden, daß das Klassenbewußtsein prinzipiell nicht spontan in der Arbeiterklasse entsteht. Das Klassenbewußtsein, das sich spontan in der Arbeiterklasse bildet, ist aber allgemein nur ein Bewußtsein auf der Stufe sinnlicher Erkenntnis. Dadurch, daß die Partei den wissenschaftlichen Sozialismus in die Arbeiterklasse trägt – und zwar indem sie einerseits Massenagitation und Propaganda betreibt und andererseits Arbeiter in der Partei durch Schulung und revolutionäre Praxis zu Kadern heranbildet -, wird dieses Bewußtsein auf die Stufe rationaler Erkenntnis gehoben. Daraus leitet sich die Pflicht der Partei ab, den wissenschaftlichen Sozialismus in die Arbeiterklasse zu tragen.

Indem die Partei den wissenschaftlichen Sozialismus in die Arbeiterklasse trägt, stattet sie das Proletariat mit der Kenntnis des Wesens seiner eigenen Ausbeutung aus und mit den zu Prinzipien zusammengefaßten, verallgemeinerten Erfahrungen aus den bisherigen Kämpfen der Arbeiterklasse. Ohne diese Kenntnis und ohne den Aufbau der Partei gemäß diesen Erkenntnissen, kann sich der spontane Kampf der Arbeiter nicht auf die bereits historisch gewonnenen Erfahrungen aufbauen. Ohne sie bricht der spontane Kampf naturwüchsig und planlos aus der zu groß gewordenen Not aus, entlädt seinen Zorn an den direkt sinnlich wahrnehmbaren unmittelbaren Gegnern – und das sind die Kapitalisten in den jeweiligen Betrieben – und bricht zusammen, sobald Hoffnung besteht, daß die Not gelindert wird. Auf diese Weise kann nie ein planmäßiger und das heißt erfolgreicher Kampf gegen das ganze System der Ausbeutung geführt werden, sondern eben nur das Existenzminimum verteidigt werden. Das ist der Grund dafür, daß der spontane Klassenkampf der Arbeiter zumeist einen ökonomischen Charakter hat. Und das ist der Grund, weshalb das Proletariat die Partei braucht. Es ist die entscheidende Aufgabe der Partei, das Proletariat zum politischen Kampf zu führen.

Es ging Lenin in der Auseinandersetzung mit den Ökonomisten darum, der Partei diese Aufgabe klarzumachen. Es ging ihm ganz und gar nicht darum, den Arbeitern abzusprechen, daß sie spontan Klassenbewußtsein entwickeln. Und es ist völlig flasch, die Pflicht der Partei, den wissenschaftlichen Sozialismus in die Arbeiterklasse zu tragen, dadurch begründen zu wollen, daß man die Arbeiterklasse zu einer unbewußten Masse herabwürdigt. Aber darauf wird noch später eingegangen.

Die Vertreter der bürgerlichen Linie in der Partei behaupten aber eisern; die Partei muß das Klassenbewußtsein in die Arbeiterklasse tragen (siehe z.B. „Anträge und Analysen des LV Südwest“). Lenin selber nimmt in „Entwurf und Erläuterung des Programms der sozialdemokratischen Partei“ dazu ausdrücklich Stellung, also in einer Schrift, die programmatische Form hat und nicht polemische wie „Was tun?“. (Das heißt natürlich nicht, daß der Inhalt von „Was tun?“ keine allgemeingültige Bedeutung hat. Die Form von „Was tun?“ ist polemisch, das Wesen des Inhalts ist allgemeingültig.)

„Aus dem, was wir in jenem Zusammenhang gesagt haben, geht hervor, was unter Klassenbewußtsein der Arbeiter zu verstehen ist. Klassenbewußtsein der Arbeiter ist das Verständnis dafür, daß das einzige Mittel zur Verbesserung ihrer Lage und zur Erkämpfung ihrer Freiheit der Kampf gegen die mit den großen Fabriken und Werken aufgekommene Klasse der Kapitalisten und Fabrikanten ist. Klassenbewußtsein der Arbeiter heißt ferner begreifen, daß die Interessen aller Arbeiter des betreffenden Landes die gleichen sind, daß sie solidarisch sind, daß die Arbeiter alle miteinander eine einheitliche, von allen übrigen Gesellschaftsklassen gesonderte Klasse bilden.

Schließlich heißt Klassenbewußtsein der Arbeiter zu verstehen, daß sie um ihre Ziele durchzusetzen, Einfluß auf die Staatsangelegenheite erlangen müssen, wie die Grundeigentümer und Kapitalisten sich ihn verschafft haben und weiter verschaffen.

Wie können nun die Arbeiter dazu gelangen, alles das zu begreifen? Die Arbeiter können das, wenn sie fortwährend aus den Erfahrungen eben des Kampfes schöpfen, den sie gegen die Fabrikanten zu führen beginnen und der sich immer mehr entfaltet, immer erbitterter wird und in dem Maße, wie die großen Fabriken und Werke entstehen, eine immer größere Anzahl von Arbeitern umfaßt.“

(Lenin Bd. 2, S. 100)

Eingie Seiten weiter bestimmt Lenin die Aufgaben der Partei. Es heißt dort zu diesem Punkt: „ ..sie muß das Klassenbewußtsein der Arbeiter entwickeln.“

(Lenin Bd.2, S. 100)

Wladimir Iljitsch Lenin. Das Bild ist kein Bestandteil des vorliegenden Artikels des ROTEN MORGEN

Lenin bezieht in der Frage des Verhältnisses von Klassenbewußtsein und wissenschaftlichem Sozialismus keinen anderen Standpunkt, als ihn Engels im „Anti-Dühring“ schon entwickelt hat.

„Der moderne Sozialismus ist weiter nichts als der Gedankenreflex dieses tatsächlichen Konflikts (zwischen Produktivkräften und Produktionsweise im Kapitalismus), seine ideelle Rückspiegelung in den Köpfen zunächst der Klasse, die direkt unter ihm leidet, der Arbeiterklasse.“

Dies ist die Seite des Klassenbewußtseins. Die andere Seite, die Rolle des wissenschaftlichen Sozialismus, bestimmt Engels folgendermaßen:

„Diese weltbefreiende Tat durchzuführen (der Sprung der Menschheit aus dem Reiche der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit) ist der geschichtliche Beruf des modernen Proletariats. Ihre geschichtlichen Bedingungen und damit ihre Natur (das heißt ihr Wesen, d. Verfasser) selbst zu ergründen, und so der zur Aktion berufenen, heute unterdrückten Klasse die Bedingungen und die Natur ihrer eigenen Aktion zum Bewußtssein zu bringen, ist die Aufgabe des theoretischen Ausdruck der proletarischen Bewegung des wissenschaftlichen Sozialismus.“

Wer seine Praxis nur auf eine Seite, entweder auf das Klassenbewußtsein oder auf den wissenschaftlichen Sozialismus aufbaut, geht nicht den Weg des Marxismus-Leninismus.

Warum klammert sich nun die Handvoll kleinbürgerlicher Elemente in der Partei so hartnäckig an ihre These, daß die Partei das Klassenbewußtsein in die Arbeiterklasse trägt?

Warum muß dieser Streitpunkt, die Frage der Entstehung des Klassenbewußtseins, zum antagonistischen Widerspruch werden?

Weil von der Beantwortung der Frage abhängt, ob man die Arbeiterklasse als die wirklich revolutionäre Klasse, die die Revolution von Anfang bis zum Ende führt und unter deren Führung allein der Sozialismus aufgebaut werden kann, anerkennt oder nicht.

Wer sagt, daß die Arbeiterklassen aus sich selbst heraus in den Kämpfen, die sie aufgrund ihrer Stellung in der sich entwickelnden Gesellschaft – früher oder später – mit Notwendigkeit führt, kein Klassenbewußtsein bildet, der bestreitet prinzipiell den marxistisch-leninistischen Grundsatz, daß die Arbeiterklasse das revolutionäre Subjekt in der heutigen Gesellschaft ist. Die Arbeiterklae entsteht mit dem Kapitalismus und wird immer stärker, je weiter er sich entwickelt.

Der Kapitalismus basiert auf dem Privateigentum an Produktionsmitteln und der Ausbeutung der Lohnarbeit. Diese Existenzbedingungen des Kapitalismus sind in den Lebensbedingungen des Proletariats bereits vernichtet. Das Proletariat kann sich selbst nur befreien, wenn es das Privateigentum an Produktionsmitteln abschafft. Das Privateigentum an Produktionsmitteln ist die Grundlage jeglicher Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Deshalb ist die Befreiung des Proletariats von seiner Ausbeutung zugleich die Befreiung der ganzen Menschheit von Ausbeutung und Klassenherrschaft. Diese Befreiung ist kein unbewußter Akt der revolutionären Klasse. Die Arbeiterklasse gewinnt aufgrund ihrer Stellung im Kapitalismus und den daraus notwendig erwachsenden Kämpfen das Bewußtsein, daß und warum der Kapitalismus eine Gesellschaftsform ist, die die Interessen der großen Mehrzahl der Menschen unterdrückt. Diese Tatsache ist es letzten Endes, weshalb die Arbeiterklasse die revolutionäre Klasse ist, unter deren Führung der Kapitalismus abgeschafft und der Sozialismus aufgebaut wird. Es steckt also die Leugnung der historischen Mission des Proletariats hinter der Verfälschung Lenins, er hätte gemeint, die Arbeiterklasse könne aus sich selbst heraus kein Klassenbewußtsein bilden. Unsere Fälscher unterschieben Liu Schao-tschis reaktionäre  „Theorie von der Rückständigkeit der Massen“ Lenin, in der Hoffnung, auf diese Weise unbemerkt die Partei von ihrem revolutionären Weg abzubringen und sie ins revisionistische Fahrwasser zu führen.

Die Handvoll kleiner Liu Schao-tschis in unseren Reihen bringen als Argument die Erkenntnis von Marx an, daß die herrschenden Ideen stets die Ideen der jeweils herrschenden Klasse sind. Und wie verstehen sie diese Erkenntnis? Marx meint, daß die gesamte Kulturproduktion: Kunst, Religion, Moral, der gesamte Überbau den Stempel der herrschenden Klasse trägt; und daß dieser Überbau auf die Arbeiterklasse einwirkt und sie daran hindert, mit Selbstverständlichkeit, wie eine ganz natürliche Sache, ein klare Bewußtsein ihrer Interessen auszubilden. Die Vertreter der bürgerlichen Linie in der Partei gehen aber weiter.

Sie sagen, der Satz von Marx, die herrschenden Ideen seien die Ideen der herrschenden Klasse bedeutet, daß nur die Ideen der herrschenden Klasse in den Köpfen der Arbeiter sind. Sie meinen, das Bewußtsein der Arbeiter ist hundertprozentig von der bürgerlichen Ideologie erfaßt. Materialismus und Dialektik: hier ist beides über Bord geworfen. Der Materialismus insofern, als der marxistische Grundsatz vollkommen vergessen worden ist, daß das gesellschaftliche Sein das Bewußtsein bestimmt und die Wirkungen des gesellschaftlichen Seins auf das Bewußtsein im Prinzip – das heißt allerdings nicht in jeder historischen Situation – stärker sind als die Einflüsse der bürgerlichen Ideologie auf das Bewußtsein der Arbeiterklasse. Die Dialektik wird insofern über Bord geworfen, als die Entwicklung des Bewußtseins der Arbeiter gerade nur aus dem Widerspruch heraus zu erklären ist zwischen den Wirkungen des gesellschaftlichen Seins auf das Bewußtsein der Arbeiter und den entgegengesetzten Einflüßen der bürgerlichen Ideologie auf dieses Bewußtsein.

Diese Dialektik  ist gerade die Voraussetzung für die Entwicklung des Bewußtseins der Arbeiterklasse. Und die Revisionisten, die diese Dialektik leugnen, entziehen sich selbst die Grundlage, von der allein es möglich ist, durch die Propagierung des wissenschaftlichen Sozialismus das Bewußtsein der Arbeiterklasse zu entwickeln.

Unvermutet, hübsch neu eingekleidet im Gewande leninscher Zitate, feiert hier eine Theorie ihre Wiederaufstehung, deren Leichnam die Geschichte schon längst zu Grabe getragen hat: die kleinbürgerliche Theorie von Marcuse und Adorno. Der Kernpunkt ihrer Theorie bestand ja gerade darin, daß die Arbeiterklasse von der herrschenden Ideologie total erfaßt ist, daß das Bewußtsein der Arbeiterklasse „verdinglicht“ und daß deshalb die Arbeiter nicht mehr als revolutionäres Subjekt in Frage kommen. Diese kleinbürgerlich-reaktionäre Theorie, aus der die Studentenbewegung ihr Bewußtsein gewann, sich selbst anstelle der Arbeiterklasse als das revolutionäre Subjekt zu verstehen – diese Theorie taucht nun in der KPD/ML auf, nachdem sie, was nicht zufällig ist, gerade in rein studentischen Zirkeln (z.B. MLHO-Kiel, die sich neuerdings Thälmann-Kampfbund nennt) schon gewisse Zeit gärt.

Die Studentenbewegung war ein qualitativer Sprung in der politischen Entwicklung Westdeutschlands, aber sie mußte notwendigerweise bald an ihre Grenzen stoßen, da sie eine Bewegung war, die fast ausschließlich von kleinbürgerlichen und bürgerlichen Kräften getragen wurde.

Die fortschrittlichsten Kräfte der verhältnismäßig stark entwickelten Studentenbewegung schlossen sich dann der verhältnismäßig schwach entwickelten revolutionären Arbeiterbewegung an. Auch wenn sie insgesamt eine wichtige Rolle bei der Entstehung der marxistisch-leninistischen Bewegung und auch beim Aufbau der Partei gespielt haben, hat ein Teil von ihnen die kleinbürgerliche Herrschaftsideologie, die sie aus der Studentenbewegung mitbrachten, nie ganz aufgegeben. Jetzt, wo die proletarischen Kräfte in der Partei und der Bewegung erstarken und sie sich in die Defensive gedrängt sehen, mobilisieren sie alle ihre theoretischen Künste, um Lenins „Was tun?“ mit Hängen und Würgen zum kleinbürgerlichen Hauptwerk der Marcusianer und Adorniten umzufälschen …      

 

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