Es lebe die heldenhafte Arbeiterklasse Polens!   

Blutdonnerstag an der Leninwerft. Werfrarbeiter gedenken den ermordeten Kollegen. BIld: YouTube. Das Bild ist kein Bestandteil des vorliegenden Artikels des ROTEN MORGEN

ROTER MORGEN, 5. Jg., Januar 1971

Nieder mit der neuen polnischen Bourgeoisie!

      Am 14. Dezember legten in Gdansk (Danzig) polnische Werftarbeiter die Arbeit nieder. Sie protestierten damit gegen die Preiserhöhungen, durch die die Ausgaben eines durchschnittlichen Haushalts um 20 % gesteigert wurden.

      Die Danziger Polizei, verstärkt durch Miliz- und Armeeeinheiten, versuchte, diesen Protest im Werft- und Hafengebiet zu lokalisieren und ihn dort brutal zu ersticken. Allerdings ohne Erfolg.

Die Arbeiter schoben die Polizeiautos beiseite, steckten sie in Brand und organisierten machtvolle Demonstrationen im Stadtgebiet. Kollegen aus anderen Betrieben, aber auch Hausfrauen und Studenten – von den Arbeitern mobilisiert – schlossen sich an. 

    Das Ziel der Demonstranten war das Gebäude der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (PVAP), die Danziger Zentrale der Gomulka-Clique. Den dort residierenden Provinzstatthaltern wurde sehr bald klar, daß die erregten Massen nicht nur ihren Unmut über die Preiserhöhungen zum Ausdruck brachten. Daß sie nicht nur gegen die arbeiterfeindliche Politik Gomulkas protestierten. Denn in den Losungen, die vor dem Parteigebäude gerufen wurden, hieß es immer wieder „Nieder mit der bürgerlichen Diktatur Gomulkas“. Die Danziger Arbeiter und anderen Werktätigen brachten klar zum Ausdruck, daß sie in den letzten Preiserhöhungen den konsequenten Ausdruck der durch und durch massenfeindlichen Maßnahmen eines bürgerlichen Regimes erkannt hatten. Sie verdammten nicht den Mann Gomulka, sondern die Klasse, die er vertrat, die neue Bourgeoisie Polens. Zwischen den demonstrierenden Massen vor dem Parteigebäude und den verängstigten „Arbeitervertretern“, denen das Danziger Proletariat drohend die geballte Faust entgegenhielt, gab es eine unüberbrückbare Kluft: die Kluft zwischen Ausgebeuteten und ihren Ausbeutern.

16. Dezember 1970. An der S-Bahn-Haltestelle Gdynia Werft kam es nach den Schüssen auf die zur Arbeit gehenden Werftarbeitern zu schweren Angriffen von Militär und der Miliz. Das Bild ist kein Bestandteil des vorliegenden Artikels des ROTEN MORGEN

    Und wie jede herrschende Klasse, wenn ihr die Faust der Unterdrückten an der Kehle sitzt, reagierte die polnische Bourgeoisie. Sie setzte die volle Kraft ihrer konterrevolutionären Gewalt ein, ließ die versammelten Arbeiter zusammenschlagen und schließlich zusammenschießen. Trotzdem breitete sich der Aufstand aus, in allen Städten Nordpolens solidarisierten sich Arbeiter und andere Werktätige mit den Danzigern und begannen selbst mit dem Kampf gegen die neue Bourgeoisie und ihrer Unterdrückungswerkzeuge. Den Warschauer Machthabern blieb nichts anderes übrig, als den Norden unter Ausnahmerecht zu stellen, die Fahrpläne auszusetzen, Telefonverbindungen zu unterbrechen. Sie wußten, daß aus dem Funken des Aufruhrs sich der Steppenbrand der proletarischen Revolution weiterentwickelt. Und unter dem Schutz einer totalen Nachrichtensperre gingen sie daran, den Funken mit ungeheurer Brutalität auszutreten. Das Ergebnis waren eine große Anzahl ermordeter Arbeiter, hunderte von Schwerverletzten.

17.12.1970. Demonstranten tragen den erschossenen Zbyszek Godlewski in Gdynia. Das Bild ist kein Bestandteil des vorliegenden Artikels des ROTEN MORGEN

Während die Gomulka-Clique unter dem Ansturm des Proletariats wankte und schließlich stürzte, richtete die Bourgeoisie in Westdeutschland und anderen kapitalistischen Ländern ihre gesamte Propaganda auf die politischen Ereignisse aus. Die brutalen Übergriffe der Gomulka-Polizei wurden uns als  „Beweis für die Unmenschlichkeit des Kommunismus“ verkauft. Und die Verbrechen des Imperialismus, wie die Unterdrückung des baskischen Volkes oder die kürzlich enthüllten faschistischen Foltermethoden der US-Agressoren in Vietnam, verschwanden in den Spalten für Kurzmeldungen.

     Wie entgegnen wir dieser antikommunistischen Kampagne der bürgerlichen Hetzorgane?

   Wir müssen einmal die zynische Heuchelei entlarven, mit der sich beispielsweise die Bild-Zeitung auf die Seite der Danziger Arbeiter stellt. Das ist noch verhältnismäßig einfach.

      Wir müssen aber auch den Klassencharakter der Gomulka- oder Gierek-Clique enthüllen. Das heißt, immer wen uns ein Kollege die Bild-Zeitung mit antikommunistischen Greuelgeschichten unter die Nase hält, klar sagen: die Regierung Polens hat ebensowenig etwas mit Kommunismus zu tun, wie Brandt/Scheel, sie ist vielmehr eine Vertretung der polnischen Bourgeoisie, die den Auftrag hat, das Proletariat politisch zu unterdrücken.
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Polen – eine Kolonie des Sozialimperialismus

        So wie die Sowjetunion hat auch das einst sozialistische Polen seine Farbe gewechselt, hat die neue Bourgeoisie die Macht an sich gerissen, ist das Proletariat von der herrschenden zur beherrschten Klasse geworden. Der Mann, der bei diesem Farbenwechsel an der Spitze der Konterrevolution stand, ist W. Gomulka.

      Nach dem zweiten Weltkrieg, als das polnische Proletariat mit Hilfe der Roten Armee die Bourgeoisie entmachtet hatte und um den Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft kämpfte, tat sich Gomulka durch massive Sabotageakte hervor:

1947  gegen den Beitritt Polens zur Kominform
1948 gegen die Kollektivierung der Landwirtschaft
1948 unterstützte er außerdem den Renegaten Tito

Der Staat der Arbeiterklasse hatte für diesen Saboteur die richtige Antwort: das Gefängnis.

         1956 wurde er der ideale Statthalter der neuen Herren im Kreml. Sie verwandelten mit seiner Hilfe Polen in eine Kolonie der Sowjetunion und bauten die Macht der neuen Bourgeoisie Polens entscheidend aus.

        Die Kollektivierung der Landwirtschaft wurde aufgehoben, d. h. die „guten alten Zeiten“ wurden wieder herbeigeführt, wo Millionen arme Bauern von Großbauern ausgebeutet werden. Eine weitere Folge der Machtübernahme durch die neue Bourgeoisie war der katastrophale Verfall der Landwirtschaft. Während in den sozialistischen Ländern – wie z. B. Albanien – sich dieser Produktionszweig besonders gut entwickelte, mußte das frühere Agrarexportland Polen immer mehr Lebensmittel importieren. Die jüngsten Preiserhöhungen sind unter anderem auch eine Folge der Unfähigkeit der neuen Herren Polens, die Versorgung der Bevölkerung mit Grundnahrungsmittel wie Mehl, Brot, Fleisch, Milch usw. in genügendem Umfang zu garantieren.

       Unordnung, Chaos – das sind nicht nur in der Landwirtschaft die deutlichen Erscheinungen der bürgerlichen Diktatur. Die nur an Profiten orientierte Volkswirtschaft Polens stößt auch imer größere Gruppen des Industrieproletariats ins Elend. Wo früher – während der Zeit des sozialistischen Aufbaus – jeder Werktätige das Recht auf Arbeit hatte, gibt es heute 300 000 Arbeitslose.   

       Diejenigen, die eine Beschäftigung finden, werden ausgebeutet, und zwar zunehmend von Privatkapitalisten. (Heute sind schon 200 000 Arbeiter gezwungen, ihre Arbeitskraft an Privatkapitalisten zu verkaufen). Dabei bedient sich die polnische Bourgeoisie des gleichen Mittels wie ihre Klassenbrüder in den imperialistischen Ländern: Die Arbeiterklasse wird durch ein ausgeklügeltes Lohnsystem gespalten, daß auf der „Honorierung der individuellen  Leistung“ beruht, bei dem die Vielen immer weniger in der Tüte haben und einige Wenige mit individuellen Prämien usw. bestochen werden.

Die Danziiger Werft aus der Vogelperspektive. Luftbild von 1960. Das Bild ist kein Bestandteil des vorliegenden Artikels des ROTEN MORGEN

        Zu diesen Wenigen gehörten übrigens auch die Danziger Werftarbeiter. Und gerade sie waren die ersten, die der neuen Bourgeoisie entschlossen entgegentraten. Unter dem Ansturm dieser Arbeiter, die sich nicht bestechen ließen, wankte das Regime der Bourgeoisie. Gomulka mußte gehen. Das war zweifellos ein großer Erfolg der polnischen Arbeiterklasse. Aber die bürgerliche Diktatur besteht weiter und Gierek, der neue Mann ist genauso ihr Vertreter wie es Gomulka war. In der bürgerlichen Presse Westdeutschlands wird er „Technokrat“ genannt und die „osteuropäische“ Fraktion der westdeutschen Bourgeoisie setzt vorsichtige Hoffnungen auf ihn. Und das mit Recht.

     Wie die albanische Zeitung Zeri Populit einschätzt, wird Gierek stärker noch als Gomulka den westlichen Monopolen bei ihrem Versuch entgegenkommen, in Polen Fuß zu fassen. Er wird das zwar vorsichtiger anstellen, als beispielsweise Dubcek. Trotzdem bleibt die Tatsache bestehen, daß Polen nach wie vor unter der Kontrolle des Sozialimperialismus steht. Und jeder Versuch der polnischen Bourgeoisie, sich mit Hilfe der westlichen Monopole ein wenig aus dieser Abhängigkeit hinauszulavieren, wird unvermeidlich zu einem Konflikt mit den neuen Zaren führen.

        Im Innern wird Gierek die Unterdrückung und Ausbeutung der Arbeiterklasse verschärfen – allerdings mit feineren Methoden. Wie sehr er mit den ausgeklügelten Techniken der Demagogie vertraut ist, bewies er sofort nach seiner Machtübernahme. Statt die rebellierenden Massen weiter durch Polizei und Armee direkt zu unterdrücken, biederte er sich bei ihnen an. Er erklärte den Aufruhr als teilweise berechtigt, baute seinen Vorgänger  Gomulka zum Sündenbock auf und tat im übrigen so, als seien mit Herrn Gierek die Zeiten des Sozialismus wieder angebrochen.

      Auf der anderen Seite aber beginnt mit Gierek eine Phase, in der die Bourgeoisie ihre Privilegien nicht mehr vor den Massen versteckt, sondern offen zur Schau stellt. Gierek selbst residierte schon vor seiner Machtübernahme in einer Villa und verfügte über einen „Fuhrpark“, zu dem unter anderem ein Mercedes, ein Citroen, eine Tschaika und ein Sportflugzeug gehörten.
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Die Lehren aus dem Aufstand der Hafenstädte

Der moderne Revisionismus wird immer mehr von schweren Krisen erschüttert. Das hat sich vor allem in drei hervorstechenden politischen Ereignissen gezeigt:

1964 in dem Sturz Chruschtschows
1968 in dem Überfall auf die CSSR
1970 in dem Sturz Gomulkas

Das Besondere an der letzten Krise ist, daß sie eine direkte Folge des revolutionären Handelns der Massen, der Revolte der Arbeiter war. Gerade diese letzte Krise entwickelte sich deutlich aus dem Widerspruch zwischen Proletariat und der Bougeoisie im revisionistisch beherrschten Polen.

Was sind die besonderen Lehren aus der letzten großen Krise des modernen Revisionismus?

  • Die Flamme der Revolution ist im Herzen der Arbeiterklasse in den revisionistisch beherrschten Ländern nicht erloschen.
  • Keine Gewalt, keine Bestechung, keine Demagogie kann das Proletariat dieser Länder davon abhalten, für den Soziaismus zu kämpfen.

Im Gegensatz zu den Warschauer Studenten von 68 kämpften die Arbeiter der Hafenstädte nicht für „mehr Freiheit“ innerhalb des Systems, sondern ihre klaren Parolen waren:

„Nieder mit der bürgerlichen Diktatur Gomulkas“
„Es lebe die Diktatur des Proletariats“

  • Die Arbeiterklasse in den revisionistisch beherrschten Ländern hat sich ihre eigenen revolutionären Parteien geschaffen. In Polen ist die Kommunstische Partei Polens (KPP) die proletarische Avantgarde im Kampf gegen die neue Bourgeoisie. Die KPP hat – trotz der erschwerten Bedingungen der Illegalität – große Erfolge bei der Organisierung der Arbeiterklasse gehabt. Neben einem starken Jugendverband hat sie in der letzten Zeit vor allem den Aufbau von Komitees in allen Teilen des Landes betrieben.

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