Auflösung des früheren SDS-Zentrums in München

1969 wollte die CSU den Zuzug außerbayerischer Studenten stoppen, Franz Josef Strauß zeigte Günter Grass an – und beim Olympia-Bau hatte man Angst vor Brandanschlägen. Die Folgen der 68er-Bewegung. Das Bild ist kein Bestandteil des vorliegenden Artikels des ROTEN MORGEN.

ROTER MORGEN, 3. Jg., November 1969

Im Sommer 1965 erkannten einige Mitglieder des damaligen SDS-München, daß die Atmosphäre der Wirtshausnebenzimmer, in der die bis dahin meisten Tagungen des SDS stattfanden, einer fortschrittlichen politischen Arbeit in keiner Weise förderlich war. Als eine kleine Wäscherei im Münchner Norden – im Rückgebäude Knorrstraße 29 – der Konzentration zum Opfer fiel, war ein geeignetes Objekt für ein SDS-Zentrum gefunden. Die ersten Spitznamen „Chinesischer Turm“ und „Stalinschuppen“ zeigten bereits auf, welche Richtung des damaligen SDS das Projekt trug und welche anderen beiden SDS-Fraktionen dem Projekt feindlich gegenüberstanden. Im damaligen SDS München gab es – nach der weitgehenden Eliminierung der unmittelbar SPD-fixierten Richtung drei Hauptströmungen. Neben den – vom damaligen langjährigen SDS-Bundesvorsitzenden (später trug er dann allerdings ein „antiautoritäres“ Mäntelchen) mit verdächtiger Zähigkeit geförderten – modernen Revisionisten (meist die Kunden früherer KPD-Abgeordneter, Staddträte usw.) und einer aus Anarchisten (Subversive Aktion; ihr gehörten Leute an, die später dann sowohl in der Kommune I als auch im Westberliner SDS führende Stellungen innehatten) und Anarchosyndikalisten („Rätesozialisten“, Anhänger von Rühle) bestehendenRichtung hatte sich in den Jahren 1963/65 in München – erstmals für den damaligen SDS – eine Gruppe gebildet, die sich als Marxisten-Leninisten verstand. Die meisten Angehörigen dieses ehemaligen Flügels sind heute Mitglieder der KPD/ML oder – soweit es sich um Ausländer handelt – Mitglieder der m-l-Parteien ihrer Heimatländer (wer die Dialektik der geschichtlichen Entwicklung kennt, wird sich freilich nicht wundern, daß einzelne Leute ausder damaligen SDS-Fraktion heute führende Köpfe des „Antiautoritären“ Flügels im SDS sind oder gar – wie in einem Falle – als linke Aushängeschilder des Bundesvorstands der DKP dienen).

München, Knoorstraße 22 heite (2019). Das Bild ist kein Bestandteil des vorliegenden Artikels des ROTEN MORGEN.

Das Haus in der Knorrstraße entwickelte sich schnell zu einem der wichtigsten Zentren des SDS in Westdeutschland und zu einem wichtigen Vertriebszentrum von m-l. Literatur aus China. Da die Hinterhofsatmosphäre der bürgerlichen Presse in den Kram paßte, waren Bildund Anschrift bald über ganz Westdeutschland verbreitet, so daß sich von überall her Leute meldeten, die Kontakt zum SDS suchten. Mit dem seit etwa 1968 fortschreitenden Zerfall des SDS, der in München besonders schnell vor sich ging, schwand auch die Bedeutung des Zentrums. Es wurde mehr zu einem Studentenwohnheim und zu einem linken Klubhaus und hatte so im letzten Jahr seines Bestehens kaum größere Bedeutung als Dutzende ähnlicher Einrichtungen. Die Einführung des „weißen Kreises“ in München brachte nun – wie schon vielen zehntausenden anderer Münchner – auch die Bewohner der Knorrstraße 29 – hauptsächlich ehemalige SDSler – um ihre Wohnungen. Zum 1. Oktober 1969 wurde das Haus gekündigt, um noch höhere Mieten aus dem Grundstück zu pressen.

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