Jetzt spricht die Arbeiterklasse —

Demonstration in Hamburg zu Ehren von Ernst Thälmann. An der Spitze RM-Redakteur Ernst Aust(°). Das Bild ist kein Bestandteil des vorliegenden Artikels des ROTEN MORGEN.

ROTER MORGEN, 3. Jg., September 1969

Ein weiterer bürgerlicher Mythos ist zusammengebrochen: der Mythos, daß die westdeutsche Arbeiterklasse angeblich völlig „integriert“ sei, kein Klassenbewußtsein mehr habe und nicht mehr kämpfen könne. Die umfassenste Streikbewegung seit 1963 hat diesen bürgerlichen Mythos, der auch in der kleinbürgerlich-revolutionären ApO weit verbreitet ist, innerhalb einer Woche völlig zerfetzt und vom Tisch gefegt.

Was bedeutet die gewerkschaftlich nicht organisierte Streikbewegung vom September 1969?

Hier gilt es, „links“radikale Illusionen und Fehleinschätzungen ebenso zu vermeiden wie Revisionismus und Opportunismus.

Zunächst die objektive Situation: in der stahlschaffenden Industrie wie auch im Bergbau war die Position der Arbeiter während der Rezession von 1966/67 besonders schwach gewesen, da in diesen Branchen zu der Produktionskrise noch eine Strukturkrise gekommen war. Der Drohung, auf die Straße gesetzt zu werden, kann kein Arbeiter auf eigene Faust Widerstand entgegensetzen. Die Organisation der Arbeiter jedoch, die reformistische Gewerkschaft, „konzertierte“ sich lieber zu Lasten der Kumpels mit den Kapitalistenbossen als daß sie Kampfmaßnahmen zur Abwehr der Kapitaloffensive traf. So kam es zu einer erheblichen Schrumpfung der Reallöhne durch Streichung von Zulagen, Weihnachtsgratifikationen usw. So kam es, daß die IG Metall noch im Juni 1968, als die Rezession längst überwunden war, ein ausgesprochen mieses Tarifabkommen abschließen konnte, das zwar sehr gut in die „konzertierte Aktion“ zur Steigerung der Profite paßte, die Arbeiter jedoch mit läppischen 5 Prozent abspeiste. Sehr bald danach zeigte sich, wie die Kumpels geneppt worden waren: die Stahlkonjunktur überschlug sich wie nie zuvor, es entstand ein schwarzer Markt, auf dem die Richtpreise bis zu 250 Prozent übertroffen wurden – und den Kumpels, die bereits wieder Überstunden in mörderischer Hitze schinden mußten, bekamen noch einmal ganze 2 – sprich zwei Prozent! Daß sie überhaupt weiter stillhielten, liegt nur daran, daß es eben keine völlig „spontanen“ Aktionen geben kann, daß wenigstens ein Embryo von Organisationen bestehen muß, um einen Arbeitskampf zu beginnen und durchzustehen.

Wie die wirkliche Stimmung bei den Kumpels war, zeigten bereits die von den Gewerkschaften nicht legitimierten Streiks um höheres Weihnachtsgeld in den Krupp-Stahlwerken Essen, Rheinhausen und Bochum zu Allerheiligen 1968. Damals bereits bildete sich jener neue Typ von Streik heraus, der sich nun auf das halbe Bundesgebiet ausgebreitet hat: Die Empörung und Kampfbereitsschaft der Arbeiter wurde schließlich von einigen, meisten der DKP nahestehenden Vertrauensleuten unterstützt. Daraufhin wurde die Arbeit ohne Einverständnis von Gewerkschaftsbürokratie und Betriebsrat niedergelegt. Bereits damals zeigte sich jedoch auch schon die eigene Dialektik dieser neuen Streikbewegung: die jungen Arbeiter versuchten nämlich, die Büros zu stürmen und zu besetzen (möglicherweise unter dem Einfluß der Fernsehberichte über die Arbeiterkämpfe in Frankreich), was natürlich auch den Revisionisten zu weit ging und von ihnen verhindert wurde.

Die Rolle des Revisionismus in diesen Streiks ist dabei ein wichtiges Element der Analyse: hierbei ist festzuhalten, daß der Revisionismus ein Ganzes ist, bestehend aus revisionistischer Theorie („friedlicher Weg“ usw.), revisionistischer Organisationsstruktur (Bürokratisierung, Trennung von den Massen) und revisionistischer Praxis (Verrat der Arbeiterklasse durch „Konzertierung“ mit der Ausbeuterklasse). Nun ist es jedoch durchaus möglich, daß einzelne der DKP angehörende oder ihr nahestehende Vertrauensleute nur eine revisionistische Theorie haben, nicht aber eine revisionistische Organisationsauffassung und Praxis – anders ausgedrückt, daß sie engen Kontakt zu den Kumpels haben und keineswegs bereit sind, sie zu verraten. Bei diesen Vertrauensleuten wird sich entweder die Theorie der Praxis oder aber die Praxis der Theorie anpassen müssen. Dazu läßt sich bereits jetzt folgendes sagen: die Bourgeoisie hat bereits geschaltet und ihre Konsequenzen gezogen. Am 9. September brachte die FAZ als Aufmacher eine Erpressung der Revisionisten. Unter dem Titel „Wilde Streiks von Linksradikalen geplant und geführt“ verbreitete sie Greuelmärchen über angebliche Mordanschläge von DKP-Leuten gegen Manager der Hoesch-Werke. Dieses Elaborat erfüllt einen durchsichtigen Zweck: man droht den Revisionisten an, sie wieder zu verbieten und ihnen damit ihre ganze schöne Wahlkampfmühe zuschanden zu machen, wenn sie nicht ihre Vertrauensleute härter an die Kandarre nehmen. Als Marxisten-Leninisten können wir voraussagen, daß die DKP-Bürokratie diesen Wink mit dem Zaunpfahl verstehen und entsprechend handeln wird. Wir können also ebenfalls voraussagen, daß auf die entsprechenden Vertrauensleute eine Zerreißprobe zukommen wird.

In den jetzigen Streiks hat die DKP noch Aktionen in die Hand genommen, die „ein wenig außerhalb der (bürgerlichen) Legalität“ waren: sie tat das – nur in der sicheren Annahme, daß diese Streiks sehr rasch zum Erfolg führen würden. Das war bei der jetzigen Lage auf dem Arbeitsmarkt und bei den ungeheuren Sonderprofiten der Stahlbosse nicht schwer vorauszusehen. Die DKP erhoffte sich davon einen Prestigegewinn vor den Wahlen sowie eine Stärkung ihrer Positions gegenüber der DGB-Bürokratie.

Doch erstens kam es wieder einmal anders, und zweitens als die Herren Revisionisten dachten: Sicherlich hatten sie nicht mit einem „Mai-Effekt“ ihrer Aktionen gerechnet. Sicherlich hatten sie nicht damit gerechnet, daß die Bewegung in wenigen Tagen auf Bremen, Niedersachsen, das Saarland, Baden-Württemberg und Bayern übergreifen würde. Sie hatten den Monopolen einen Nadelstich versetzen wollen, aber sie konnten nicht wissen, daß es einen so lauten Knall gab. Eine Lawine war ins Rollen gekommen: durch den Streik in Geislingen (Baden-Württemberg), wo bereits seit dem 1. September die 8-Prozent-Tariferhöhung offiziell galt, geriet das ganze „konzertierte“ Tarifsystem, das ständig steigende Unternehmerprofite sichern soll, durcheinander. Außerdem griffen die Kumpels zu Kampfformen, die den Revisionisten höchst unheimlich vorkommen müssen: Besetzung strategisch wichtiger Punkte im Werk (Telefonzentrale, Verwaltung) nach dem Vorbild der französischen Klassenbrüder. Die Revisionisten gleichen dem Zauberlehrling, der die Geister, die er rief, nämlich die Geister des Klassenkampfes, nun nicht mehr beherrscht.

Was folgt nun daraus für die KPD/ML?

Zunächst einmal bewundern wir uneingeschränkt den hervorragenden Kampfgeist der Kumpels in der Stahlindustrie und im Bergbau. Wie oft hatten wir doch im letzten Jahr gehört, „so etwas wie in Frankreich wäre bei uns nie möglich, weil unsere Arbeiter lahm wären“. All diese nicht marxistisch-leninistischen Einschätzungen sind nun endgültig widerlegt. Man kann sagen, daß die streikenden Kumpels Marcuse, Habermas usw. ideologisch getötet haben. Die hysterische Propaganda der Bourgeoisie gegen „wilde“ Streiks (so nennen sie die berechtigte Selbstverteidigung der Arbeiter gegen wilde Ausbeutung) zeigt, daß man beim Klassengegner durchaus verstanden hat, daß diese Streiks trotz der rein ökonomischen Forderungen einen bedeutenden Aufschwung des Klassenkampfes in der Bundesrepublik bedeuten. Wir verurteilen daher „links“radikale Besserwisserei (etwa, wenn bemängelt wird, daß die Hoesch-Arbeiter „So ein Tag, so wunderschön wie heute“ sangen) und Phrasendrescherei (wenn abstrakt getadelt wird, der Streik sei „nicht politisiert“ gewesen usw.). Wir wissen natürlich auch, daß solche Streiks solange keine weitergehende Perspektive haben können, als sie letztlich von Reformisten und Revisionisten noch, wenn auch nur mit Mühe, kanalisiert werden können.

Daraus folgt für uns die absolute Notwendigkeit, alles, aber auch alles zu tun, damit in absehbarer Zeit in allen wichtigen Fabriken Marxisten-Leninisten jene Rolle des Organisations-Embryos erfüllen können, die augenblicklich – mangels Alternative – noch die DKP spielt.

Wir müssen also begreifen, daß die Streikbewegung vom September 1969 uns schwerwiegende organisatorische Probleme stellt: Die Arbeiterklasse muß in allem die Führung innehaben!

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