Jugoslawiens besonderer Weg zum Sozialismus

ROTER MORGEN, 4. Jg., Oktober 1970

Zunehmend wurde Jugoslawien in den letzten Wochen und Monaten in den Blickpunkt der westdeutschen Öffentlichkeit gerückt. Besonderes Interesse zeigte die SPD, die ihren Bundestagsfraktionsvorsitzenden Wehner an der Spitze einer Delegation an Titos Hof entsandte, um dort die Lage für die westdeutsche Monopolbourgeoisie zu sondieren. Immer häufiger wird innerhalb das „jugoslawische Modell“ als interessante nachahmenswerte – wenn auch mit einigen Mängeln behaftete – Variante des Sozialismus dargestellt. Immer offenkundiger wird das Streben eines Teils der westdeutschen Monopolbourgeoisie Jugoslawien Einfluß zu gewinnen und Titos „Musterländle“ als annehmbares Beispiel einer sogenannten „demokratischen Sozialismus“ hinzustellen. Auch der Besuch einer Parlamentsdelegation unter Leitung von Bundestagspräsident von Hassel vom 29. September bis 4. Oktober, die auf Einladung des jugoslawischen Parlaments zustande kam, sind in diese Richtung.

Nachdrücklich, wenn auch mit gewissen Einschränkungen, wird Jugoslawien auch heute noch von den Sowjetrevisionisten und ihren Sateliten in Osteuropa als sozialistisches Bruderland bezeichnet. Und im zentralen „Informationsbulletin“ (Materialien und Dokumente der Kommunistischen- und Arbeiterparteien) der Revisionisten, die statt Beiträgen aus den Volksrepubliken China und Albanien nur gehässige Angriffe auf diese Länder veröffentlicht, erhalten die jugoslawische Verräter Stimme und Wort, um ihre Agentenrolle zu begründen.

Titos Leibkuh

Das US-Informations-Center in Belgrad

Wer heute mit dem Flugzeug in Belgrad landet, durchläuft Paß- und Zollkontrolle in einem modernen Flughafengebäude, ein Geschenk der US-Imperialisten an den jugoslawischen Staat. Förmlich von Gepäckträgern umlagert, die den westlichen Ausländer partout die Koffer tragen wollen, erreicht man ein Taxi. Ein Privattaxi natürlich. Die ca. 15 Kilometer zur Stadt führen vorbei an modernen Wohnvierteln, Slums und der im Volksmund Tito-Tower genannten Parteizentrale. Belgrad macht auf den ersten Blick den Eindruck einer Westlichen Stadt, nur daß hier die Unterschiede zwischen arm und reich noch weit ausgeprägter sind als beispielsweise westeuropäischen Städten. Während die neue jugoslawische Bourgeoisie, die Fabrikdirektoren, Wirtschaftsmanager, die Kapitalisten und Parteifunktionäre ein Leben in Luxus führen. Tito besitzt allein 6 Privatschlösser und Villen, eine Leibkuh begleitet ihn auf Reisen im Flugzeug – zum  Beispiel nach Indonesien, da ihm die Milch normaler Kühe nicht bekommt, lebt der größte Teil der jugoslawischen Bevölkerung in Armut und Elend. Moderne Wohnungen für die Neureichen. Slums für die Werktätigen. Sitzt man spät abends im Restaurant, vergeht keine halbe Stunde, daß nicht 6- bis 10jährige Kinder erscheinen, die versuchen, sich durch den Verkauf von Nüssen, Blumen etc. ein paar Dinar zu verdienen. Verständlich, daß bei diesem Elend die Prostitution Blüten treibt. Allein in Belgrad gibt es 20.000 registrierte Prostituierte.

Der belgrader und moskauer Strich

Geradezu witzig wird die Sache allerdings, wenn sich die jugoslawische Presse über diesbezügliche Verhältnisse in Moskau beschwert und kritisiert, daß es dort Klassen von Prostituierten gibt: Erstens die Intourist-Nutten, die sich nur für harte Devisen verkaufen, zweitens Taxi-Mädchen, die sowohl Devisen wie auch Rubel kassieren und schließlich die unterste Kategorie der Eisenbahn-Prostituierte für die Einheimischen, die nur Rubel einnehmen. Wie fortschrittlich, daß das „sozialistische“ Jugoslawien solche „Klassenunterschiede“ beseitigt hat.

Jugoslawien ist das Land mit der höchsten Arbeitslosenquote von allen revisionistischen Staaten. Trotz immenser Abwanderung von Arbeitskräften – allein in Westdeutschland leben und arbeiten der nich390 000 Jugoslawen – beträgt die offizielle Zahl der Arbeitslosen rund 375 000. Das sind bei 4 Millionen Jugoslawischer Werktätiger rund 11 %, wobei die Dunkelziffer der nichtregistrierten Arbeitslosen weit höher liegen dürfte.

Striptease und Spielkasinos

Spielkasino und Striptease-Bar in »Majestik«

Aber was spielt es schon für eine Rolle, daß im angeblich sozialistischen Jugoslawien das grundlegende Recht auf Arbeit nicht verwirklicht ist und Zigtausend Jahr für Jahr ihre Heimat verlassen. Dafür besitzt Belgrad „Errungenschaften“, die anderen osteuropäischen Hauptstädten noch fehlen. Beispielsweise ein amerikanisches Informations-Center zur publizieren des american way of life. Darin ein großes Porträt des US-Obergangsters Nixon an der Wand. Wo so etwas vorhanden ist, darf natürlich auch das westliche Nachtleben nicht fehlen: Spielkasino und Striptease-Bar sinnigerweise untergebracht in einem Hotel mit den revolutionären Namen „Majestic“. Zwar gibt es solche Luxus-Etablissements auch in Moskau, Ostberlin, Budapest, Prag usw., nur mit dem Unterschied, daß dort nur Devisen angenommen werden, während man in Belgrad auch in Dinar zahlen kann. Allerdings zu horrenden Preisen, zum Beispiel ein Bier für 30 Dinar.

Nicht umsonst schwärmt die bürgerliche westdeutsche Presse, so die der SPD nahe stehende „Hamburger Morgenpost“: „Der Osten ist prüde … nicht, was Jugoslawien betrifft. An den Zeitungsständen in diesem Lande findet man genauso viel raffinierte Nacktheit und gewagte exotische Szenen wie bei uns … Auch die Parteizeitung „Borba“, das   angesehenste und seriöseste Blatt des Landes, macht da mit. In der Wochenendbeilage sieht man scharfe Mädchenfotos neben Lenin- Tito-Bilder … die Zeichnungen sind etwas popig, Beatgruppen spielen eine wichtige Rolle. Kurz, hier wird versucht, ein freies und lustvolles Leben mit einer antikapitalistischen Gesellschaftsordnung zu verbinden.

Lustvoll für wen? Für die Millionen jugoslawischer Werktätiger, die am unteren Rand des Existenzminimums leben? Antikapitalistisch, wieso? Wissen die Redakteure der Hamburger Morgenpost nicht, daß sich in Jugoslawien die Zahl der Privatbetriebe von 1963 bis heute von 115 000 auf inzwischen 14. 3 000 erhöht hat? Daß in diesen Betrieben – obwohl sie nach dem Gesetz höchsten 5 Arbeiter einstellen dürfen – (zur Zeit im Parlament darüber diskutiert, die Zahl auf 15 zu erhöhen) – 10 bis 20mal soviel Arbeiter, in manchen Fällen sogar 500 bis 600 beschäftigt werden. Im Sektor Transportwesen hat das Kapital inzwischen 90 % des Marktanteils erobert. Wo das inländische Kapital solche Fortschritte macht, darf das ausländische Kapital nicht fehlen. Der jugoslawische Markt wird mit Waren aus dem Westen, angefangen von Coca-Cola über Sexliteratur bis zu Elektrogeräten, überschwemmt. Das angebliche sozialistische Jugoslawien ist auf die Stufe einer Halbkolonie des USA-Imperialismus herabgesunken. Die von ehemaligen USA-Kriegsminister McNamara dirigierte Weltbank, die überall dort ihre Filialen hat, wo die Regierungen dem Imperialismus hörig sind, eröffnet demnächst in Belgrad eine Filiale. Da es in Jugoslawien inzwischen auch wieder Aktiengesellschaften und Privataktionäre gibt, ist demnächst mit der Eröffnung einer Börse zu rechnen.

„Sozialistische“ Ausbeutung

Was das alles noch mit Sozialismus zu tun hat, wird wohl das Geheimnis der Kreml-Bosse und ihrer Satelliten bleiben. Auch was die soviel gerühmte „Arbeiterselbstverwaltung“ in den jugoslawischen Großbetrieben betrifft, ist sie nichts weiter als ein Betrug an den Arbeitern. Diese Betriebe befinden sich in den Klauen der neuen Bourgeoisie. Diese Clique kontrolliert das Eigentum und Personal dieser Betriebe und nimmt ihnen den bei weiten größten Teil der Erträge weg. Wie die Dingen liegen, haben die Werkdirektoren das Recht, den Produktionsplan und die Entwicklungsrichtung der Betriebe zu bestimmen, über die Produktionsmittel zu verfügen, die Entscheidung über die Verteilung der Gewinne der Betriebe zu treffen, Arbeiter einzustellen oder zu entlassen und das Recht, die Beschlüsse der „Arbeiterkomitees“ und der „Verwaltungskomitees“ zu überstimmen. So konzentriert sich die Macht in diesen Betrieben in den Händen der Werksdirektoren, die über die Produktionsmittel und über die Verteilung der Einnahmen der Betriebe verfügen. Nicht nur, daß die Lohnunterschiede zwischen Direktoren und Arbeitern sehr groß sind, in manchen Betrieben betragen die Dividenden, die auf die Direktoren und höheren Angestellten verteilt werden, das 40fache der Dividenden, die den Arbeitern zufallen.

Lakai des US-Imperialismus

Es ließen sich noch zahlreiche weitere Beispiele dafür anführen, daß Titos besonderer Weg zum Sozialismus der gerade Weg in den Kapitalismus ist: (Allen Lesern, die sich dafür interessieren, empfehlen wir das Studium der Broschüre „Ist Jugoslawien ein sozialistischer Staat?“) Der einzige Unterschied Jugoslawien zu den übrigen revisionistischen Staaten des Ostens besteht darin, daß Jugoslawien der dortigen Entwicklung zum Kapitalismus immer einen Schritt voraus ist. Nixons “Freundschaftsbesuch“ Anfang Oktober bei Tito war nur ein weiterer Beweis der Abhängigkeit des Landes vom US-Imperialismus, die so weit geht, daß Tito, der sich gern als Vertreter der sogenannten Blockfreiheit herausstellen läßt, darauf verzichtete, am Staatsbegräbnis seines Freundes Nasser teilzunehmen, um die Befehle Nixons entgegenzunehmen. Dieses Entgegenkommen wurde von den US-Imperialisten dadurch honoriert, daß die Rückzahlungen sämtlicher jugoslawischer Kredite an Washington bis 1975 entweder verschoben oder gestoppt wird. Zusätzliche langfristige Waren- und Bankkredite zu Sonderbedingungen sollen den Dinar zur „harten“ international zu handelnden Währung machen und eine starke Erweiterung des Westhandels ermöglichen. Jugoslawien seinerseits verpflichtet sich, den USA-Kapital großzügige Beteiligungsbedingungen, vor allem bei der Unterwasserölsuche, in der Schwerindustrie und bei der Erschließung des Bergbaus zu gewähren und das Land enger an die Nato heranzuführen.

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