Vorwärts im Geist des Oktober 1923

ROTER MORGEN, 3. Jg., Oktober 1969

Am 23. Oktober 1923, vor 46 Jahren, stand der revolutionäre Vortrupp der Hamburger Arbeiterklasse auf den Barrikaden, griff der beste Teil der Arbeiterschaft zum Gewehr und nahm den Kampf gegen die kapitalistischen Unterdrücker auf. Der Hamburger Aufstand entsprang der revolutionären Situation vom Herbst 1923. Bereits im Frühjahr 1923 begannen riesenhafte Streikbewegungen im Ruhrgebiet und Oberschlesien. Noch kämpften die Arbeiter nicht um die Macht, sondern nur um die Beseitigung der brennendsten Not. Doch die Lage verschlechterte sich zusehends. Die Markwährung, die bei Regierungsantritt Reichskanzlers Cuno auf 8000 stand, stieg auf eine Billion. Die Arbeiter konnten für ihre Löhne nichts mehr kaufen. Sogar „die treuesten Diener des Staates“, die Beamten, begannen zu rebellieren. Der Mittelstand war ruiniert. Das Gespenst des Hungers schritt durch Deutschland. Da wurde im August 1923 durch die Aktionseinheit der deutschen Arbeiterklasse die Regierung Cuno gestürzt. Von diesem Moment an sprang der Funke des Bürgerkriegs durch Deutschland. Bereits vorher war an der Ruhr, in Hannover, in Oberschlesien, in Bayern geschossen worden, jetzt war es immer klarer, daß eine friedliche Entscheidung nicht mehr möglich war. Der erbarmungslose, gewaltsame Kampf zwischen Klasse und Klasse wurde unvermeidlich. Aus Streiks wurden Zusammenstöße, aus Kundgebungen blutige Kleinkämpfe zwischen Arbeitern und Polizei in Dutzenden deutschen Städten. So war im Oktober 1923 eine unmittelbare, revolutionäre Situation vorhanden. Alle Bedingungen für den Sieg der Arbeiterklasse waren da, außer einer einzigen, doch davon später.

In Hamburg kam es am 20. Oktober 1923 zu zahlreichen Zusammenstößen zwischen Polizeihund Arbeitern. Dabei zeigte sich, daß auch viele Kleinbürger und in einigen Fällen sogar diePolizei mit den demonstrierenden Arbeitern sympathisierten. Als am 22. Oktober die Nachricht eintraf, daß die Reichswehr in Sachsen einrückte, legten die Hafen- und Werftarbeiter sofort die Arbeit nieder. In der Nacht vom 22. zum 23. Oktober wurde der Aufruf des Reichsbetriebsräte-Ausschusses der Hamburger Parteiorganisation der KPD von der Zentrale zugestellt und verteilt. Der Ausschuß forderte die Arbeiterklasse Deutschlands zum Generalstreik, zum Aufstand gegen die Offensive der Reaktion und gegen die Militärdiktatur auf. Die Hamburger Parteiorganisation, von Ernst Thälmann im Geiste des Marxismus-Leninismus geschult, stand zum Kampf bereit. Sie hatte einen sogenannten Ordnerdienst (OD) geschaffen, der den militärischen Teil der proletarischen Hundertschaften bildete. Seine Mitglieder waren im Umgang mit Waffen vertraut und kannten die Grundregeln des Straßenkampfes. Am 22.10. nachts beschloss die Bezirksleitung der KPD Wasserkante den Aufstand für den 23. Oktober 5.00 Uhr früh. Der Aufstandsplan sah nach Schilderung eines Teilnehmers vor:

„a) der Aufstand beginnt durch ein plötzliches Losschlagen der bewaffneten Arbeiterabteilungen in den Arbeitervierteln der Stadt, wobei in erster Linie die Waffenlager zu besetzen sind;

b) Entwaffnung der Polizei und Faschisten in den Arbeitervororten;

c) Gleichzeitige Zusammenziehung der bereits bewaffneten Arbeiterabteilungen, die durch Massendemonstrationen aus den Vororten nach der Innenstadt zu decken sind, und die Zurückdrängung des Gegners (Polizei und Faschisten im Stadtzentrum) nach Süden (an den Fluß, dessen Brückenübergänge schon vorher von den Arbeitern zu besetzen sind) und hier endgültige Entwaffnung des Gegners;

d) Besetzung des Post- und Telegrafenamtes, der wichtigsten Bahnhöfe des Stadt- und Fernverkehrs, des Flugplatzes und der anderen wichtigsten Objekte, noch bevor die Abteilungen aus den Vorstädten nach dem Stadtinnern ziehen, durch die in diesen Vorstädten befindlichen Kräfte der Partei;

e) um die Heranziehung von auswärtigen Verstärkungen durch den Gegner zu unterbinden, ist vorgesehen ihn auf den Hauptstraßen, die voraussichtlich für ihren Nachschub in Frage kommen würden, in einen Hinterhalt zu locken. Mit der Organisierung des Angriffs aus dem Hinterhalt und der Vernichtung der Wege im Umkreis von 25 Kilometern werden die Kräfte der Ortsorganisationen der Nächstliegenden Arbeiterstädtchen und -siedlungen beauftragt. Die Organisationen von Harburg, Wilhelmsburg, Ütersen und Stade sollen den Schiffsverkehr auf der Elbe sperren.“

Im Verlaufe des Aufstandes spielten die Kämpfe im damaligen Arbeitervorort und heutigen Stadtteil Barmbek eine entscheidende Rolle. Da die Arbeiter hier nur 19 Gewehre und 27 Pistolen besaßen, war die Frage der Bewaffnung von äußerster Wichtigkeit. Man beschloss, 20 Polizeiwachen zu stürmen, um sich Waffen zu beschaffen. Mit einem Gewehr und Pistolen ausgerüstet, begaben sich die einzelnen Kampfgruppen zu ihren Objekten. Um 5.30 Uhr hatten die Kampfgruppen 17 Polizeiwachen entwaffnet. Rund 170 Gewehre und eine Menge Munition waren das Ergebnis der überraschenden Angriffe der Arbeiter. Leider kam es nicht zum Sturm auf die Wandsbeker Kaserne, da diese durch den mißglückten Überfall auf drei Wachen – infolge undisziplinierten Verhaltens einiger Kampfgruppenführer – benachrichtigt worden war.

Genossen, die nicht bei der Entwaffnung der Polizei eingesetzt waren, gingen in die Stadtbahnhöfe, Betriebe und Werften, um den Generalstreik auszurufen und die Arbeiter für den Kampf zu gewinnen. Diese Aktion gelang. Alle Verkehrsmittel standen still. Viele Arbeiter zogen geschlossen durch Hamburg, um ihre kämpfenden Klassenbrüder zu unterstützen. Um 7.00 Uhr kam der Befehl zum Barrikadenbau. Er wurde sofort befolgt. Große Teile der arbeitenden Bevölkerung, besonders Arbeiterfrauen und Jugendliche, beteiligten sich daran. Sie waren Verbindungsleute zwischen den Barrikaden und versorgten die Kämpfer mit Munition. Die Kampfgruppen postierten sich auf Häuserdächern und in Wohnungen. So waren sie in der Lage, die ganze Straßenbreite mit wenigen Waffen zu beherrschen. Die Polizei richtete ihr Hauptaugenmerk auf die Barrikaden, wo sie die Masseder Verteidiger vermutete, während dort in Wirklichkeit nur einzelne Scharfschützen standen. Die Kampfgruppen führten unerwartete Angriffe aus.

In der Nacht vom 23. zum 24. Oktober fanden keine größeren Kampfhandlungen statt. Die Polizisten waren trotz mehrmaliger Befehle ihrer Offiziere nicht zum Angriff zu bewegen, denn die Arbeiter hatten durch ihre Taktik am Tage bewiesen, daß die Polizei auch mit Panzerautos nicht in der Lage war, die Barrikaden zu stürmen.

Am zweiten Tage des Kampfes erhielt die Polizei Verstärkung. Lübecker Polizisten, der Kreuzer „Hamburg“ und zwei Torpedoboote wurden entsandt. Zur Unterstützung der reaktionären Horden kreisten Flugzeuge über Barmbek. Rund 6000 Mann Polizei und Militär mit schweren Waffen ausgerüstet, versuchten Barmbek zu stürmen. 300 entschlossene Arbeiter mit wenig Munition leisteten ihnen hartnäckigen Widerstand. Als Genosse Thälmann feststellen mußte, daß er isoliert mit den Hamburger Arbeitern kämpfte, gab er Befehl zum Rückzug. Diszipliniert, wie der Aufstand begonnen hatte, wurde er auch beendet, so daß die Verluste der eigenen Kämpfer verhältnismässig gering blieben.

Warum scheiterte der Hamburger Aufstand? Er scheiterte, weil er isoliert blieb. Warum blieb er isoliert? Damit sind wir bei dem Satz: „Alle Bedingungen für den Sieg der Arbeiterklasse waren da, außer einer einzigen . . .“ diese einzige nicht erfüllte Bedingung war das Bestehen einer klaren, eisern zusammengeschlossenen, unauflöslich mit den breiten Massen verbundenen kommunistischen Partei, die entschlossen und fähig war, den spontanen Kampfe der Arbeitermassen zusammenzufassen, ihn zu organisieren, ihn zu leiten.

Warum schreiben wir diesen Artikel? Um uns eines historischen Datums der Geschichte der deutschen Arbeiterklasse zu erinnern? Um Ernst Thälmann zu ehren? Das auch. Aber wichtiger, viel wichtiger ist es uns, aus der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung zu lernen. Aus ihren Fehlern und Siegen. Das unverbindliche Kranzeniederlegen, Gedenkreden halten, überlassen wir den Revisionisten der DKP/KPD. Wir ehren Ernst Thälmann, indem wir seine Erkenntnisse und Erfahrungen beachten und danach handeln.

Die Hauptursache des Scheitern des Hamburger Aufstandes war das Fehlen einer einheitlich handelnden Partei. Während die Hamburger Genossen entsprechend der vorhandenen revolutionären Situation den bewaffneten Kampf begannen, begingen Brandler und Thalheimer Verrat. Die Brandler-Gruppe, obwohl sie im Zentralkomitee keine Mehrheit hatte, trat in Sachsen gemeinsam mit linken Sozialdemokraten in die Regierung ein und machte auf ‚friedlichen Übergang‘. Anstatt die Revolution zu organisieren, gab sie die Losung aus, die bestehenden Streikkämpfe abzubrechen.

Klar zeigt sich, und das gilt gerade für uns, daß wir eine eiserne, völlig geschlossene, restlosverschmolzene, unbedingt disziplinierte Partei brauchen. Es geht doch nicht an, daß im Falleeiner revolutionären Situation der eine Landesverband, die eine Gruppe im Zentralkomitee den bewaffneten Aufstand beschließt, während eine andere sagt, wir treten erst einmal in eine Koalition mit linken Sozialdemokraten und DKPisten ein. Um diese unabdingbare Einheit zu erreichen, ist es notwendig, einen schonungslosen Kampf gegen alle Erscheinungen des „Links“- und Rechtsopportunismus zu führen. Erst dadurch, wie in Hamburg Ernst Thälmann die Kader der Kommunistischen Partei in unversöhnlichem Kampf gegen alle Abweichungen erzogen hatte, wurde eine Kampforganisation geschaffen, die politisch und militärisch auf den Aufstand vorbereitet war.

Neben der Hauptursache des Scheiterns des Hamburger Aufstandes gibt es noch mehrere Nebenursachen. Die Lehren aus ihnen zog Ernst Thälmann in einem Artikel am 23. Oktober 1925 in der „Roten Fahne“. Unter dem Titel „Was sind die wichtigsten Lehren des Hamburger Aufstandes?“ heißt es u.a.

„Der unvergängliche Ruhm der Hamburger Oktoberkämpfer besteht darin, daß sie in einer revolutionären Situation zu den Waffen griffen, obwohl sie den Sieg nicht zu 99 Prozent in der Tasche hatten. Der Leninismus lehrt, daß man den Kampf aufnehmen muß, wenn ernste Chancen für den Sieg vorliegen. Eine Garantie für den Sieg gibt es niemals im voraus. Die Niederlage in einem solchen Kampf ist tausendmal fruchtbarer und wertvoller für die Zukunft des Klassenkampfes als ein Rückzug ohne Schwertstreich.

Der Aufstand führte zur Niederlage, weil er isoliert blieb, weil er nicht in Sachsen und im ganzen Reiche sofort unterstützt wurde. Mögen die Arbeiter in einem einzelnen Ort mit dem größten Heldenmut, getragen von der stärksten Massenbewegung, den Kampf aufnehmen: Sie werden geschlagen, wenn nicht das Proletariat im ganzen Lande mit ihnen geht. Gerade darin, in der Organisierung und Zusammenfassung der gesamten Arbeiterklasse in allen Industriezentren und Großstädten, im ganzen Lande besteht die Rolle der Kommunistischen Partei als Vortrupp des Proletariats.

Um bei der unvermeidlich kommenden Wiederkehr des Hamburger Kampfes in viel größerem Maßstabe siegen zu können, müssen wir wie ein Keil in die Massen eindringen, sie durch tausend Klammern mit uns vereinigen, eine wirklich proletarische Einheitsfront mit Millionen Arbeitern bilden. In den Gewerkschaften, in allen parteilosen Organisationen der Arbeiterklasse muß ein großer revolutionärer Flügel heranwachsen, der gemeinsam mit den Kommunisten zum Träger der kommenden Kämpfe wird.

Als besonderer Mangel wurde in den Hamburger Oktobertagen das Fehlen einer starken Rätebewegung empfunden. Diese Tatsache ist noch nicht genügend in der Partei verstanden worden. Die Räte sind die Organe, die in einer revolutionären Situation die Millionenmassen des Proletariats zusammenfassen, die das Rückgrat des Kampfes bilden. Diese Lehre dürfen wir auch in der jetzigen Periode zwischen zwei Revolutionen nicht vergessen.

Der Aufstand war ein Musterbeispiel für die glänzende, reibungslos arbeitende Organisation des revolutionären Kampfes. Aber er offenbarte zugleich den größten organisatorischen Fehler unserer Partei. Die Hamburger Kämpfer besaßen die volle Sympathie der Arbeiter in den Betrieben, aber sie hatten organisatorisch keine Verbindung mit ihnen. Es zeigte sich die ganze Unbrauchbarkeit, die verhängnisvolle Rückständigkeit unserer alten sozialdemokratischen Wohnorganisation. Die Wahlmaschine taugt nicht für die Barrikaden! Die schwerste Lücke in der Hamburger Kampffront war das Fehlen kommunistischer Betriebszellen. Eine Kämpferschar wie die Hamburger, die sich auf fest verwurzelte Zellen in allen Betrieben und auf die Vereinigung der breitesten Arbeitermassen stützt, wird künftig in einer ähnlichen Situation unbesiegbar sein.

Die größte, wertvollste Lehre des Hamburger Aufstandes ist die großartige Erfüllung der Rolle der Kommunistischen Partei in der proletarischen Revolution. Die Kommunisten waren nicht in Worten, sondern in der Tat der Vortrupp, die Führung, der Wegweiser der Arbeiterklasse. Sie gaben der Bewegung ein klar umrissenes Ziel, ein genau formuliertes Programm: die Diktatur des Proletariats.“

Einige Leser und sicher die Revisionisten werden sagen, warum habt ihr in dieser Ausführlichkeit über den Hamburger Aufstand geschrieben, das ist doch gar nicht aktuell. Nicht aktuell? Brandaktuell! Nicht, daß wir im Augenblick in Westdeutschland eine revolutionäre Situation haben. Ernst Thälmann zog die Lehren aus dem Hamburger Aufstand auch in einer nichtrevolutionären Periode und wies 1927 noch einmal daraufhin, daß die „Machtergreifung“ des Proletariats kein einmaliger „Akt“ ist, und weiter: „Die Machtergreifung besteht nicht nur in militärischen Kämpfen gegen die Truppen der Bourgeoisie, sondern sie muss durch jahrelange, ausdauernde Arbeit der Kommunistischen Partei und des ganzen Proletariats vorbereitet werden. Die kommenden Sieger über die Bourgeoisie müssen durch unzählige Teilkämpfe erzogen, vorbereitet und organisiert werden. Dieses ist unsere Hauptaufgabe in der jetzigen Periode“.

Und es ist auch die Hauptaufgabe unserer Partei in der jetzigen Periode. Machen wir uns nichts vor. Viel Zeit haben wir nicht, die Versäumnisse, der Verrat der KPD/DKP-Revisionisten haben viel Schaden in der deutschen Arbeiterklasse angerichtet. Ihn müssen wir gutmachen und das deutsche Proletariat auf die anstehenden, auf uns zukommenden Kämpfe vorbereiten. Denn eines ist sicher, auch unter der Brandt-Regierung werden sich dieKlassenauseinandersetzungen verschärfen. Der um den Erdball wehende revolutionäre Sturm wird nicht an den Grenzen Deutschlands halt machen. Sorgen wir dafür, daß uns der kommende Kampf gewappnet findet. Lernen wir aus der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, aus ihren Erfolgen und Fehlern.

Jeder Kommunist muß diese Wahrheit begreifen:
„Die politische Macht kommt aus Gewehrläufen“.
Mao Tsetung
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