Warum Fremdwörter im ROTEN MORGEN?

Symbolbild Fremdwörter. Dieses Bild ist kein Bestandteil des vorliegenden Artikels des ROTEN MORGEN

ROTER MORGEN, 5. Jg., 13. September 1971

Manche Arbeitergenossen und -sympahisanten fragen uns: „Warum gebraucht ihr eigentlich so viele Fremdwörter wie Bourgeoise, Imperialismus, Ökonomismus usw.? Ihr wollt doch eine Arbeiterpartei sein; könnt ihr da nicht wenigstens deutsch reden?“.

Dazu ist folgendes zu sagen: Einerseits gibt es viele Fremdwörter, die man genauso gut auf Deutsch ausdrücken könnte. Solche Wörter sind wie teure Modeartikel, die die reichen Bürger ihren Frauen über die Hintern hängen, um damit anzugeben. Warum soll man z.B. „okkupieren“ sagen, wenn „besetzen“ genau das selbe ausdrückt? Oder warum soll man sagen „authentische Revolution“, wenn „authentisch“ nur „wikrlich“ bedeutet? Eine Revolution ist entweder eine wirkliche Revolution oder gar keine; das Wort „authentisch“ heißt also nur Blablabla und kann völlig gestrichen werden.

Diese erste Sorte von Fremdwörtern wird von unseren Genossen zu Recht kritisiert. Die revolutionären Interlektuellen unter uns, die eine bürgerliche Bildung erhalten haben, neigen noch häufig dazu, solche überflüssigen Fremdwörter zu gebrauchen. Wir werden ihnen dabei helfen, sich das mit der Zeit abzugewöhnen.

Aber daneben gibt eine andere Sorte von Fremdwörtern, wie z.B. Bourgeosie, Imperialismus, Ökonomismus usw.. Diese Fremdwörter wurden von Marx und Lenin benutzt. Natürlich plappern wir sie nicht einfach nach, weil sie von Marx und Lenin benutzt wurden, vielmehr verwenden wir sie, weil es sich dabei um wissenschaftliche Fachausdrücke handelt. Solche Fachausdrücke kann man nicht einfach auf Deutsch genauso gut sagen.

Jeder Arbeiter kennt den Fall, daß z.B. ein Student in den Ferien im Betrieb mit ihm zusammenarbeitet. Viele Fachausdrücke versteht der Student nicht. Nehmen wir als Beispiel den Bergbau. Die Kollegen reden dort von „Besatz“, von „Stößen“, von „Palligonausbau“, vom „Gedinge“, usw.. Ein Student würde kein Wort davon verstehen. Wenn er jetzt einfach sagen würde: ,,Redet doch mal deutsch“, so würde er zu Recht ausgelacht. Es handelt sich ja schließlich um Fachausdrücke, die man für den Bergbau braucht. Wer im Bergbau etwas verstehen will, der muß die Fachausdrücke lernen.

Ähnlich ist es mit der Gruppe von Fremdwörtern, die wissenschaftliche Fachausdrücke sind. Die kapitalistische Gesellschaft z.B. ist ein Bereich, der mindestens genauso eigenartig und kompliziert ist wie der Bereich des Bergbaus. So wie die Stöße im Bergbau die Friste tragen, so tragen in der bürgerlichen Gesellschaft das Proletariat und die anderen unterdrückten Klassen die Bourgeosie. Deshalb verwenden die Marxisten-Leninisten Fachausdrücke für die Klassen der bürgerlichen Gesellschaft. Genauso ist es z.B. mit dem Imperialismus; damit ist ein bestimmter Typ von kapitalistischer Gesellschaft gemeint, den man genau bestimmen kann.

Nebenbei haben solche Fachausdrücke, die meistens aus dem Lateinischen abgeleitet sind, einen weiteren Vorteil: sie sind in allen Sprachen gleich. Wenn wir also z.B. gegen den US-Imperialismus demonstrieren, so können unsere spanischen und italienischen Kollegen das sofort verstehen. Die wissenschaftliche Sprache des Marxismus-Leninismus ist also gleichzeitig eine internationale Sprache.

Aus all dem folgt, daß ein Arbeiter, der die Gesellschaft, in der er ausgebeutet wird, wissenschaftlich erfassen will, um sie revolutionieren zu können, einige Fremdwörter lernen muß. Genauso wie ein Student, der den Bergbau verstehen will, die entsprechenden Fachausdrücke lernen muß. Der RM möchte alle Genossen und Sympathisanten dabei helfen. Wir werden deshalb in den kommenden Nummern eine Art Wörterbuch herausgeben. In jeder Nummer werden wir den wissenschaftlichen Sinn einiger gebräuchlicher Fremdwörter des Marxismus-Leninismus erklären. Ihr könnt diese Artikel ausschneiden und sammeln. Dann könnt ihr jederzeit nachschauen, wenn ihr über ein bestimmtes Wort unsicher seid. (Damit wir kein wichtigen Ausdrücke vergessen, wendet euch mit Fragen an uns. Der RM wird sie beantworten.)

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