Zum Kampf zweier Linien in der Gewerkschaftsfrage ( Teil 1)

Der Bundeskanstler der BRD, Willy Brand spricht auf einer DGB_Veranstaltung. Dieses Bild ist kein Bestandteil des vorliegenden Artikels des ROTEN MORGEN

ROTER MORGEN, 5. Jg., Juli 1971

Neben dem Klassengegner, der Monopolbourgeoisie, ihren Staatsorganen und ihrer Presse, starten die Revisionisten aller Schattierungen gerade in letzter Zeit konzentrierte Angriffe gegen die KPD/ML. Der Schreck ist den Führern der DKP angesichts der zunehmenden Verankerung unserer Partei in den Massen, der wachsenden Zahl unserer Betriebszeitungen, unserer Erfolge zum diesjährigen 1. Mai in die Knochen gefahren. Sie erkennen, daß immer mehr fortschrittliche Menschen den Verrat des Revisionismus begreifen und sich der KPD/ML zuwenden. Darum sind ihre wütenden Angriffe gegen uns ein Zeichen unserer stetig zunehmenden Stärke und ihrer wachsenden Schwäche.

Welcher Methoden bedienen sich die DKP-Führer und ihrer neorevisionistischen Handlanger in anderen Organisationen im Kampf gegen unsere Partei? Da es ihnen an Argumenten fehlt, der Lüge und Verleundung. So entblöden sie sich nicht u. a. zu behaupten:

1.Wir wollen heute und jetzt den bewaffneten Aufstand

2.Wir seien gegen Gewerkschaften

Sie halten es da mit dem verflossenen Reichspropagandaminister Goebbels, der sagte, je größer eine Lüge ist, desto eher wird sie geglaubt. Nur vergessen sie dabei, daß sie die Menschen, vorzugsweise die Mitglieder ihrer Partei, zwar eine Zeitlang, sicher aber nicht auf die Dauer belügen können. Die Absicht ihrer Behauptung zielt daraufhin aus die KPD/ML vor der Arbeiterklasse als „linke“ Sektierer, als Spinner abzuqualifizieren. Da sie selbst aber in ihren offiziellen Organen zu einer offenen ideologischen Auseinandersetzung zu feige oder nicht fähig sind, überlassen sie die „Drecksarbeit“  arbeitsteilig sogenannten ‚linken‘ oder sich auch marxistisch-leninistische tarnenden Organisationen wie beispielsweise dem Hamburger SALZ und KAB (Sozialistisches Arbeiter- und Lehrlingszentrum und Kommunistischer Arbeiter-Bund)

Diese neorevisionistischen Organisationen erstellten im April dieses Jahres eine Broschüre „Was sind die Super-‚Linken‘ und wie schaden sie der Sache des Proletariats?“, die den DKP-Führern anscheinend so gut gefiel, daß sie sie jetzt als „Schulungsmaterial im Kampf gegen die Linkssektierer“ an ihre Funktionäre im ganzen Land verschickten. Diese machen sich denn auch gar nicht mehr erst die Mühe eigene Argumente in ihrem Kampf gegen unsere Partei zu finden, sondern drucken, wie beispielsweise die „Hamelner Arbeiterzeitung“ Nr.4/71 (Ortszeitung der DKP) ganze Passagen des SALZ-Papiers wortwörtlich als eigene Erkenntnisse ab. Nichts zeigt so anschaulich das konterrevolutionäre Zusammenspiel solcher revisionistischer Tarnorganisationen wie SALZ und KAB mit der DKP.
.
‚Kontrollieren, kritisieren, notfalls abwählen‘

Wie gehen nun die Herren Revisionisten und ihrer SALZ-Ableger in ihrer Broschüre gegen die KPD/ML vor? Indem sie Sätze aus Verlautbarungen unserer Partei (ROTER MORGEN, Betriebszeitungen etc,) sinnentstellend aus dem Zusammenhang reißen oder interpretieren. Dabei kommen sie dann z.B. in der Gewerkschaftsfrage – mit der wir uns hier beschäftigen wollen – zu dem Schluß: „DIE KPD/ML erzählt aber den Arbeitern das alte  Kapitalistenmärchen, daß es auch ohne Gewerkschaften geht, und eigentlich sogar noch besser als mit Gewerkschaften.“ Und das obwohl an zig Stellen unserer offiziellen Verlautbarungen auf die Notwendigkeit von Gewerkschaften für denKampf der Arbeiterklasse hingewiesen wird. Wie die DKP unterstellen sie uns, wir fordern die Genossen auf, aus der Gewerkschaft auszutreten und fragen rhetorisch: „Müssen die Kommunisten heute etwa nicht mehr dort arbeiten, wo die Massen sind? Und sind es nicht nach wie vor die Gewerkschaften, die von opportunistischen Führern beherrscht werden und in denen es proletarische und halbproletarische Massen gibt.“ Und das, obwohl es bereits im  ROTEN MORGEN vom Oktober 1969 wörtlich hieß:

„ . . . Heißt das nun, daß – wie uns von gewisser Seite unterstellt wurde – wir unsere Genossen und Kollegen auffordern, aus der Gewerkschaft auszutreten? Wir wären schlechte Marxisten-Leninisten, wenn wir nicht Lenins Ratschlag befolgten, selbst in den reaktionärsten Organisationen zu arbeiten. Zumal in diesen Organisationen Arbeiter, Kollegen sind. Nur wie arbeiten? Sollen wir uns darauf beschränken, den ökonomischen Kampf des Proletariats zu fördern? Nein, unsere Aufgabe muß es sein, dafür zu sorgen, daß der ökonomische Kampf die sozia……(Text nicht vollständig)

Worin bestehen die Unterschiede zwischen unserer Auffassung zur Gewerkschaftsfrage und der der Revisionisten der DKP und all der anderen neorevisionistischen Gruppen und Grüppchen?

Einmal in der Einschätzung der Rolle des heutigen Gewerkschaftsapparates, seiner Stellung in der kapitalistischen Gesellschaft. Zum anderen daraus resultierend, in der einzuschlagenden Strategie und Taktik der revolutionären Partei des Proletariats.

Wie halten es die Revisionisten und Neorevisionisten damit? Für sie ist die Sache ziemlich einfach. Jede Analyse bezüglich der Struktur der heutigen Gewerkschaaft für überflüssig haltend, steht für sie fest, daß sich bezüglich der Gewerkschaft seit der Jahrhundertwende oder den frühen zwanziger Jahren nicht das geringste geändert hat. Für sie sind die Gewerkschaften immer noch Klassenkampforganisationen der Arbeiter mit dem einzigen Fehler, daß sich einige revisionistische Führer in sie hineinverirrt haben oder von den Kapitalisten hineingeschickt wurden. Sie geben sich alle erdenkliche Mühe, den Klassengegensatz zwischen der Gewerkschaftsbürokratie und der Arbeiterklasse zu verschleiern.

Wörtlich in der vom SALZ herausgegebenen Arbeiterzeitung Nr.1/71:

„Mißstände und fehlerhaft orientierte Gewerkschaftsfunktionäre, die den Interessensstandpunkt der Mitglieder verlassen haben, brachten eine Schwächung der Kampfkraft . . . Um diese Mißstände abzubauen, ist es notwendig, die Kräfte im Apparat auf Trab zu bringen, die durch Häufung von Privilegien, dadurch, daß sie ihre Arbeit in der Gewerkschaft als gesicherten Beamtenberuf verstehen, dadurch, daß sie nicht mehr wissen, was ihre gewerkschaftlichen Aufgaben sind.“ Nach Auffassung der rechtsopportunistischen SALZ-Führer sind die Gewerkschaftsbnzen nicht etwa Lakaien der Geldsäcke, der Kapitalisten, sondern sie haben bloß die gewerkschaftlichen Aufgaben „vergessen“, können sich an die Interessen der Arbeiter nicht mehr „erinnern“, „wollen unsere Probleme nicht mehr sehen“ (KAZ 2, S. 6), „sind nicht in der Lage, unsere Interessen von denen des Kapitals zu unterscheiden“ (ebenda) usw.

Aus dieser Auffassung ergibt sich für die Neorevisionisten des SALZ logisch die einzuschlagende Strategie und Taktik in der Gewerkschaftsfrage: „Es kommt darauf an, die Gewerkschaften stark zu machen, die Kampfkraft der Gewerkschaften dadurch zu erhöhen, daß möglichst viele Arbeiter in die Gewerkschaften eintreten und dort aktiv für die unmittelbaren  Lebensinteressen des Proletariats arbeiten. Darum müssen die Arbeiter in den Gewerkschaften den Einfluß der opportunistischen und versöhnlerischen Gewerkschaftsführer bekämpfen…“ (SALZ-Papier).

Wie dieser Kampf auszusehen hat, schreibt die AZ 1/71: „Kampf heißt:“ diese Gewerkschaftsbürokraten so zu kontrollieren, zu kritisieren, notfalls sie abzuwählen, daß sie unsere Interessen nicht mit den Wünschen der Unternehmer und des Staates verwechseln.“

„Notfalls abwählen.“ Sind sie noch zu retten? Wissen sie denn überhaupt, wie in den Gewerkschaften „gewählt“ wird? Wissen sie nicht, daß es üblich ist, Gewerkschaftsfunktionäre per Anzeige zu suchen? Als wenn es so etwas wie demokratischen Zentralismus innerhalb der Gewerkschaft gäbe. Natürlich als Vertrauensmann oder in einzelnen Gewerkschaften, wo es noch ehrenamtliche Funktionäre auf unterer Ebene gibt, könnte man sich eventuell eine Abwahl vorstellen, doch dort, wo der hauptamtliche Apparat beginnt, ist Schluß mit der Wählerei. Dort wird manipuliert und geschoben. Und die Herren reformistischen Gewerkschaftsführer sitzen halt immer noch am längeren Hebel. Jeder einigermaßen gewerkschaftlich orientierte Metallarbeiter wird sie glatt auslachen, wenn sie ihm vorschlagen, er solle doch mal den Otto Brenner abwählen. Und diesem Kollegen dann noch vorzuwerfen – wie im SALZ-papier – er kapituliere damit vor der Bourgeoisie, die Herrn Brenner besticht, ist gelinde gesagt eine Unverschämtheit. Warum schlagen sie nicht gleich vor, man solle die Kapitalisten abwählen?

Da ist die revisionistische DKP-Führung schon „ehrlicher“. Sie gibt gar nicht erst vor, daß es ihr um irgendwelchen Kampf innerhalb der Gewerkschaft geht. Sie erklärt schlicht (7. Tagung des PV der DKP): „Die Kommunisten sind in der Gewerkschaft keine Opposition. Sie sind als aktiver politischer Teil der Arbeiterklasse ein fester Bestandteil der Arbeiterklasse.“ Und um auch ja keinen Zweifel an ihrer Übereinstimmung mit dem Reformismus aufkommen zu lassen, erklären sie ihre Aufgaben in den Gewerkschaften so: „Diese Aufgabe entspricht dem Inhalt des DGB-Grundsatzprogramms (eines durch und durch reformistischen Machwerks, d. Red.) wie den politischen Prinzipien einer marxistisch-leninistischen Partei der Arbeiterklasse als Klassenorganisation.“
.
Dreibund-These

Was in diesem Zusammenhang gebracht ja denn wohl heißen soll, sich als Schwanz, wie Ernst Thälmann es formulierte oder als Gratisbeilage, wie Stalin es sagte, der oder zur Gewerkschaft zu betrachten. So bestätigt sich in Bezug auf die DKP, was Ernst Thälmann schon im Jahre 1929 über die Politik der Rechtsabweichler schrieb:

„Der Kampf zwischen Reformismus und Kommunismus erfährt seine besondere Verschärfung, weil er gleichzeitig ein Kampf gegen den Dreibund Unternehmertum, Staatsgewalt und reformistischer Gewerkschaftsbürokratie ist. Indem die Rechten sich bald nur auf den Kampf innerhalb des Rahmens der Gewerkschaften, innerhalb des Gewerkschaftslegalismus beschränken wollen, leugnen sie auch den Charakter der jetzigen Kämpfe. Sie können sich nicht als  Anhänger der Schwanztheorie die Aufgabe der Organisierung der neuen revolutionären Welle stellen. Sie stellen noch immer die Frage der Eroberung der Gewerkschaften als Eroberung des Gewerkschaftsapparats.“

Genau das aber tun die Führer des SALZ, des KAB und ähnlicher Organisationen, indem sie die Losung ausgeben: „Macht die Gewerkschaften wieder zu Kampforganisationen der Arbeiterklasse.“  Womit sie wie oben bewiesen die Eroberung des Gewerkschaftsapparates durch „kontrollieren, kritisieren und notfalls abwählen“ meinen. Nur so läßt sich auch ihr Haß gegen die auch von der KPD/ML gebrauchte Dreibundthese erklären. Wir halten diese These, die zwar den Arbeitern leicht verständlich ist, da sie ihnen den Zusammenhang zwischen Kapital-Staatsgewalt und reformistischer Gewerkschaftsbürokratie vermittelt, auch nicht für glücklich und korrekt, da sie dadurch, daß dieser Zusammenhang als „Bund“ dargestellt wird, zu dem Schluß führen könnte, der Staatsapparat sei nicht das Herrschaftsinstrument der Kapitalisten sondern etwas besonderes, das mit ihnen einen Bund eingehen könne.

Diese Kritik hat aber keinesfalls auch nur das geringste mit der der SALZ-Führung zu tun, die zu der von Thälmann gebrauchten Dreibund-These schreiben: „Das hat mit Marxismus-Leninismus nichts mehr zu tun, aber eine ganze Menge mit gewissen reaktionären, pseudo-“linken“ Ladenhütern der Studentenrevolte.“  (SALZ-Papier S. 15)

Hieran zeigt sich, daß die neorevisionistischen Führer des SALZ und KAB zwar recht viel von den Ladenhütern der modernen Revisionisten wissen, aber recht wenig von der Geschichte und den Erfahrungen der deutschen Arbeiterklasse und speziell ihrer kommunistischen Partei.

Was aber lehrt uns diese Geschichte? Sie lehrt uns, was Ernst Thälmann auf dem X. Plenum der KPD 1929 so formuliert: „In dem Maße, wie die Mittel der bürgerlichen Demokratie zur Unterdrückung und Ausbeutung des Proletariats nicht mehr ausreichen, in dem Maße, wie sich die diktatorischen und sozialfaschistischen Methoden der Bourgeoisie verschärfen, in demselben Maße wird sich auch zur gleichen Zeit der Prozeß zur Beseitigung der Organisationsdemokratie in der Gewerkschaftsbewegung vollziehen. Die Gewerkschaftsbürokratie wird zu einer größeren Aggressivität gegen die revolutionäre Front und zur verstärkten Faschisierung der Gewerkschaften im allgemeinen schreiten. Je stärker der Gewerkschaftsapparat mit dem staatlichen Machtapparat verwächst, je mehr die revolutionäre Gewerkschaftsopposition dieses System angreift, je selbständiger, aktiver und energischer die revolutionäre Opposition ihre Aufgaben stellt und entwickelt, um so schärfer wird der Angriff des Sozialfaschismus gegen die revolutionäre Front sein.

Auf das Verwachsen des Gewerkschaftsapparates mit dem staatlichen Machtapparat antwortete damals die Partei mit der Politik der revolutionären Gewerkschaftsopposition. Diese korrekte Politik wurde von den Rechtsopportunisten heftig bekämpft. J.W. Stalin sagte zu diesem Thema in einer Rede auf der Sitzung des Präsidiums der EKKI (Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale) (19.12. 1928): „Das gleiche ist auch von Serre (ein Opportunist, der die Haltung der Rechtsopportunisten in der KPD unterstützte) zu sagen. Er billigt es nicht, daß die deutschen Kommunisten im Kampf um die  Organisierung der ausgesperrten Metallarbeiter über den Rahmen der bestehenden Gewerkschaften hinausgegangen sind, und diesen Rahmen gesprengt haben. Er erblickt darin eine Verletzung der Beschlüsse  des IV. Kongresses der Roten Gewerkschaftsinternationale. Er versichert, die Rote Gewerkschaftsinternationale habe die Kommunisten angewiesen, nur innerhalb der Gewerkschaftsverbände zu arbeiten. Das ist Unsinn, Genossen! Die Rote Gewerkschaftsinternationale hat keinerlei derartige Anweisungen gegeben. Dies zu sagen, bedeutet, die Kommunistische Partei zur Rolle eines passiven Zuschauers bei den Klassenkämpfen des Proletariats zu verurteilen. Dies zu sagen , bedeutet, die Idee der führenden Rolle der kommunistischen Partei in der Arbeiterbewegung , zu Grabe zu tragen.“
.
Entwicklung des DGB

Genau das aber ist es, was uns heute Revisionisten und Neorevisionisten empfehlen. Nicht konkrete Analyse einer konkreten Situation, sondern die Partei als Gratisbeilage zur Gewerkschaft mit dem Auftrag, die ökonomischen Kämpfe des Proletariats zu fördern. Das aber hat mit Marxismus-Leninismus nicht das Geringste, um so mehr aber mit blanken Ökonomismus zu tun. Bezogen auf die heutigen DGB-Gewerkschaften, die ja gerade die Aufgabe haben, den ökonomischen Kampf der Arbeiter zu hemmen, ist das bewußter Verrat an der Arbeiterklasse.

Zwar können wir hier im Rahmen des ROTEN MORGEN keine ausführliche Analyse der heutigen Gewerkschaft leisten, soviel aber steht fest, daß heute die Verschmelzung des Gewerkschaftsapparates und des staatlichen Machtapparates viel weiter fortgeschritten ist als in den späten 20er Jahren und daß sich in ihm die sozialfaschistischen Tendenzen verstärken. Bereits kurz nach Kriegsende begannen die Westalliierten damit, die Gewerkschaften nach ihren Vorstellungen wiederaufzubauen. Sie bedienten sich dabei früherer Funktionäre des ADGB wie Böckler und Co., die in der Emigration auf die Niederhaltung revolutionärer Gewerkschaften getrimmt waren. Spontan entstandene (1945) revolutionäre Gewerkschaften, wie etwa die Sozialistische Freie Gewerkschafts-Einheitsorganisation (SFG) in Hamburg, wurden, mit Hilfe der Militärregierung zerschlagen. Schon bald hatten die reformistischen Führer des DGB das Heft in der Hand. Kommunisten, die anfangs noch in Funktionen auf Gewerkschafts- und Betriebsebene tätig waren , wurden mittels Tricks hinausgesäubert. Im Vergleich zu 1918 hatten sie die Gewerkschaftsbewegung in relativ kurzer Zeit gespalten und den Grundstein für ihre Politik kommender Jahre gelegt.

Nach 1945 waren die reformistischen Gewerkschaftsführer von Anfang an am Aufbau der Staatsmacht beteiligt. Bis heute legten und legen sie ein eindeutiges Bekenntnis zum kapitalistischen Staat ab: „Wir bejahen die staatlich-politische Demokratie in unserem Lande“, DGB-Vorsitzender Vetter auf dem 6. Ordentlichen Gewerkschaftstag der NGG. Gewerkschaftsführer wie Ernst Lemmer und Jacob Kaiser („Gesamtdeutscher Minister“) beteiligten sich aktiv an der Wiedererrichtung des westdeutschen Imperialismus. Erster Rüstungsminister der Adenauer-Regierung wurde der frühere IGBE-Vorsitzende Theodor Blank. Adenauer zur Ernennung Blanks in seinen „Erinnerungen“:

„Als ich Herrn Blank zunächst vor Errichtung des Ministeriums seine Aufgaben übertragen habe, war für mich nicht maßgebend seine Eigenschaft als CDU-Abgeordneter; maßgebend war vielmehr für mich, außer seinen persönlichen Eigenschaften, die Tatsache, daß er stellvertretender Vorsitzender einer der wichtigsten Industriegewerkschaften war. Ich wollte damit den Widerstand der Gewerkschaften paralysieren. Ich glaube, daß das auch gelungen ist.“

Eine stärkere Integration des Gewerkschaftsapparates mit der Staatsmacht findet aber erst – analog zur Entwicklung der Jahre 1928/1929, Beginn der Weltwirtschaftskrise – seit dem Jahre 1966/67 , dem in Erscheinungstreten der ersteren härteren zyklischen Krise statt. „Konzertierte Aktion“, Sozialpolitische Gesprächsrunde“ „Lohnleitlinien“ usw. werden zur festen Einrichtung des aufeinander abgestimmten Handelns von Unternehmern, Regierung und Gewerkschaftsbürokratie. 1966 holt sich die Bourgeoisie einen der reaktionärsten Gewerkschaftsführer, den IG-Bau-Boss Leber in die Regierung. 1969 wird der DGB-Führer Walter Arendt zum Arbeitsminister berufen. Seine Aufgabe, die Verstaatlichung der Gewerkschaften voranzutreiben, erfüllt er durch direkte Einflußnahme auf den Hauptvorstand des DGB. Von ihm stammt der arbeiterfeindliche Regierungsneuentwurf des BVG.

Neben dem Verwachsen der Gewerkschaftsbürokratie mit der Staatsmacht findet im staatsmonopolistischen Kapitalismus auch ein Verwachsen dieses Apparates direkt mit dem Industrie- und Finanzkapital statt. Ernst Thälmann zu dieser Entwicklung auf dem 10. Plenum der KPD: „Nicht nur das Verwachsen des Gewerkschaftsapparates mit dem Staatsapparat spielt für uns eine Rolle, sondern die enge Beziehung der reformistischen und sozialdemokratischen Gewerkschaftsführer und Organisationen mit dem Finanzkapital. Diese Verflechtung übertrifft vielleicht alle andere, was uns bisher bekannt war. In letzter Zeit verwenden die Gewerkschaften in immer stärkeren Maße die gesammelten Gewerkschaftsgelder zu Zwecken gemeinsamer ökonomischer Betätigung mit dem Finanzkapital. Sie versuchen die Beitragsgelder in den Gewerkschaften nach den Prinzipien der privatwirtschaftlichen Akkumulation anzulegen.“

Was damals, Ende der zwanziger Jahre von Ernst Thälmann als „Verflechtung“ gekennzeichnet wurde, die „alles andere übertrifft“, stellt sich gegenüber dem was uns heute bekannt ist, als ein bescheidener Anfang einer Entwicklung dar, die dazu führte, daß sich der DGB zu einem Konzern gemausert hat, der in seiner Größe den Flick- und den Finck-Konzern übertrifft. Unter dem Dach der „Vermögens- und Treuhandverwaltung GmbH“  vereinigt der DGB Banken, Versicherungen, Verlage, Handels- und Baufirmen.

Sie kommandiert mit der „Neuen Heimat“ das umsatzstärkste Bauunternehmen Westeuropas. Mit 57 Tochter- und Beteilungsgesellschaften plant, finanziert und baut die „Neue Heimat“ nicht nur Wohnungen, sondern auch Objekte wie Luxus-Hotels in der Karibischen See oder das neue Spielkasino von Monte Carlo.

Im Versicherungwsesen hält sie mit der „Volksfürsorge“ die zweitgrößte Lebensversicherun unter Kontrolle. Mit 5,2 Millionen Verträgen hat sie mehr als jede andere westdeutsche Lebensversicherung.

In der Coop hält sie eine der bedeutendsten Lebensmittelhandelsketten am Band. Aus den ehemaligen Konsumgenossenschaften wurde ein modernes Handelsunternehmen mit eigenen Fleischwarenfabriken, Weinkellereien, Kaffeeröstereien, Feinkost-, Schoko- und Zuckerwarenfabriken, Schnapsbrennereien usw., in denen die Werktätigen wie in jedem anderen kapitalistischen Betrieb ausgebeutet werden. Mit der Bank für Gemeinwirtschaft steht sie nach der Deutschen, Dresdner- und Commerzbank an 4. Stelle der überregionalen Privatbanken. Die Bank führt ihre Geschäfte nach rein kapitalistischen Methoden. Lediglich mit 8 Prozent ist die Bank an Einlagen und Ausleihungen an gemeinwirtschaftlichen Firmen  beteiligt. Der Boß dieser Bank, Hesselbach, Mitglied der Gewerkschaft HBV, versichert IG-Chemie-Mitglieder gegen Streikrisiken, etwa Abzahlungsschwierigkeiten, ab und schlichtet am Ende selber den Streik. Gewerkschafter Hesselbach mit dem bescheidenen Jahresgehalt von 225.000 Mark erhält daneben als Aufsichtsratmitglied von Thyssen, RWE, Krupp, Ruhrkohle, Salzgitter AG, Audi NSU, Lufthansa, Boswau & Knauer, Volksfürsorge Leben, Volksfürsorge Sach, 114.200,- Jahrestantiemen.

Damit erhält er etwas mehr als IG-Metall-Chef Otto Brenner, der als Aufsichtsratmitglied von Ilseder Hütte, VW-Werk, Krupp Hüttenwerke, Krupp GmbH, BfG, „Neue Heinat“ 109.000,- Mark einsteckt. Daneben nehmen sich die 35.000,- Mark, die DGB-Chef Vetter als Aufsichtsratmitglied der Bank für Gemeinwirtschaft, Volksfürsorge, Neue Heimat neben seinem Jahresgehalt von rund 100.000,-  Mark erhält, direkt bescheiden aus. Die IG Metall ist eben besser. So erhält IGM-Vorstandsmitglied Dürbeck als  Aufsichtsratsmitglied von AEG-Telefunken, Hüttenwerk Oberhausen, Salzgitter-Hüttenwerk, Salzgitter AG 68.000,- Mark oder IG Bergbau-Boß Schmidt als Aufsichtsratmitglied von Harpener AG, Veba, Ruhrkohle, BfG, Neue Heimat 57.000,- Mark Jahrestantieme, natürlich alles neben ihren Riesengehältern.

Lassen wir es genug sein mit dieser Aufzählung, die man endlos fortsetzen könnte, Wer angesichts dieser Tatsache, angesichts der ständig fortschreitenden Verschmelzung der DGB-Bürokratie mit dem Staatsapparat und dem Industrie- und Finanzkapital davon spricht, man könne diesen Apparat durch Abwahl erobern, belügt die Arbeiterklasse genauso wie wenn er behauptet, man könne den Sturz der Bourgeoisie über den Weg der Wahlen herbeiführen. Er ist ein Revisionist, objektiv ein Verräter an den Interessen der Arbeiter.  
.

Ersten Kommentar schreiben

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*