Zum Kampf zweier Linien in der Gewerkschaftsfrage ( Teil 3)

Kopf der der Stadtteilzeitung der Stadtteilgruppe Hamburg-Altina der KPD/ML. Das Bild ist kein Bestandteil des vorliegenden Artikels des ROTEN MORGEN

ROTER MORGEN, 5. Jg., 13. September 1971

Der zweite Teil unseres Artikels endete mit der Feststellung, daß die Gründung neuer Gewerkschaften, auch die ‚Keime‘ einer solchen, in der Bundesrepublik nicht auf der Tagesordnung steht. Wir können den zweiten Schritt nicht vor dem ersten tun. Was ist aber der erste Schritt?

Der erste Schritt ist der Aufbau von Betriebsparteizellen

Warum ist die Betriebsparteizelle für die Verwirklichung der Aufgaben und Ziele unserer Partei so überaus wichtig? Warum kommt ihr gegenüber der Wohngebietszelle vorrangige Bedeutung bei?

  1. Weil sich im Betrieb der tägliche Klassenkampf in seiner direkten Form abspielt.
  2. Weil durch die Betriebsparteizelle die Verankerung der Partei im Industrieproletariat und die Anleitung des gesamten politischen und wirtschaftlichen Kampfes der Arbeiterklasse am vollkommensten gewährleistet ist.
  3. Weil die Betriebsparteizellen erst die Voraussetzung für eine erfolgversprechende Arbeit unter den gewerkschaftlich organisierten Arbeitermassen schaffen.
  4. Weil die Betriebsparteizellen die Gewähr dafür bieten, auch in Zeiten der Illegalität kampfstark und schlagkräftig zu bleiben.
  5. Weil in Zeiten der Revolution neben den bewaffneten Kampfformationen des Proletariats die Betriebe – ihre Übernahme oder Nichtübernahme – das entscheidende Kettenglied sind, um die Macht zu erringen und die Diktatur des Proletariats zu errichten.

Deshalb ist es für unsere Partei unerläßlich, in allen Großbetrieben zuerst, später auch in Mittel- und kleineren Betrieben, Betriebsparteizellen zu bilden. Berücksichtigt werden muß auch, daß neben den Zellen in Industriegebieten, solche in für die Existenz des kapitalistischen Staates wichtigen Betrieben, wie des Verkehrswesens (Luftfahrt, Bundesbahn, Schiffahrt), der Energieversorgung (E-Werk) oder auch des Rundfunks, Fernsehens usw. zu bilden sind. Sind drei Genossen in einem Betrieb vorhanden, so ist eine Betriebsparteizelle zu gründen. Die Bedeutung der Betriebsparteizellen muß auch in der personellen Zusammensetzung der Leitungen der Orts- und Kreisverbände der Partei in der Regel zum Ausdruck kommen.

Wie entscheidend sich das Vorhandensein bzw. Nichtvorhandensein von Betriebsparteizellen auszuwirken vermag, zeigt uns die Machtübernahme durch die Faschisten 1933. Damals war die KPD sehr stark in den Wohngebieten, den Erwerbslosenausschüssen, aber weit weniger in den Betrieben verankert. Dadurch gelang es ihr nicht, dieses wichtige Kettenglied gegen die faschistische Machtübernahme in die Hand zu bekommen. Trotz 5 Millionen Wählerstimmen konnte sie nicht den Generalstreik auslösen. (Wobei natürlich auch der Verrat der SPD-Führung eine Rolle spielte.) Wohngebiete- bzw. Stadtteilzellen taugen zwar für den Wahlkampf, weswegen sie auch die Organisationsstruktur der reformistischen und zur Hauptseite auch der revisionistischen Parteien sind, sie taugen aber nur wenig zur Ausrichtung der Partei auf die Arbeiterklasse und ihre Führung im revolutionären Kampf um die Macht. Deshalb ihre überragende Bedeutung für den Aufbau unserer Partei.

Zur Zeit gibt es noch wenige Betriebsparteizellen, während die Zahl der Roten Betriebsgruppen weitaus größer ist. Dieser Zustand erklärt sich aus der Tatsache, daß die revolutionären Kader in den Betrieben die Vorhut des Proletariats, die es für den Kommunismus zu gewinnen gilt, infolge der lang anhaltenden Wiederaufbauperiode des Kapitalismus nach dem 2. Weltkrieg, die erst 1966/67 durch die erste verstärkt in Erscheinung tretende zyklische Krise beendet wurde, infolge der langjährigen ideologischen Beeinflussung der Arbeiterklasse durch reformistisches und revisionistisches Gedankengut noch dünn gesäht ist. Mit Sicherheit aber wird sich die Lage ändern, denn wir stehen in Westdeutschland am Anfang einer Periode in der sich infolge der allgemeinen Krise des Kapitalismus, der Verschärfung der Widersprüche der Imperialisten untereinander, der Existenz einer korrekten, marxistisch-leninistischen Partei, die Klassenkämpfe bedeutend verschärft werden.

Betriebsparteizellen entstanden bisher zur Hauptsache aus den unter Anleitung der Partei arbeitenden Roten Betriebsgruppen oder sie wurden geschaffen, indem die Partei Genossen in Schwerpunktbetrieben zusammenzog. Auf das Ziel Schwerpunkt in den Betrieben ist auch die Arbeit der Orts- und Stadtteilzellen auszurichten. Z.B. indem diese Zellen mit dem Ziel der Errichtung von Roten Betriebsgruppen bzw. Betriebsparteizellen ihre politische Arbeit auf bestimmte in ihrem Ortsbereich gelegenen Betriebe konzentrieren. Arbeiter, die als Sympathisanten durch die Agitations- und Propagandatätigkeit in den Arbeiterwohnvierteln gewonnen werden, sind bei ihrer Aufnahme als Kandidaten in die Partei entweder – wenn sie in Großbetrieben arbeiten – in der dortigen Betriebsparteizelle zu organisieren oder aber – wenn sie aus Klein- und Mittelbetrieben stammen, in denen heute noch keine Betriebsparteizellen existieren, in Branchenzellen, z. B. Bauarbeiter, Druckereiarbeiter usw. zusammenzufassen.

Noch einmal zur Aufgabenbestimmung der Roten Betriebsgruppen: Sie sind von der Anlage her Massenorganisationen der Partei und dienen – wie auch die anderen Massenorganisationen der Partei, z.B. die Rote Garde – als Kaderreservoir für die Partei. In ihnen werden die besten, aktivsten Kollegen – unabhängig davon, ob sie gewerkschaftlich organisiert sind oder nicht – zusammengeschlossen und unter Anleitung der Betriebsparteizelle, oder soweit diese noch nicht besteht, durch Genossen der Parteiorganisation an die Partei herangeführt. Gleichzeitig ist es Aufgabe der Roten Betriebsgruppen, unter Anleitung der Betriebsparteizelle, an der Ausarbeitung der politischen Agitation und Propaganda für den Betrieb, z. B. Flugblätter, Betriebszeitungen, teilzunehmen und in die betrieblichen Kämpfe einzugreifen mit dem Ziel, sie ideologisch, politisch und organisatorisch zu führen, wobei festzustellen ist, daß die ideologische und politische Seite bisher vernachlässigt wurden.

Neben den Betriebsparteizellen haben die RBG’s die Aufgabe, durch ihre antikapitalistische und antirevisionistische Praxis im Betrieb den fortgeschrittenen Teil der Belegschaft für den Marxismus-Leninismus zu gewinnen, d.h. an die Politik der Partei heranzuführen, zum Verständnis und zur Unterstützung der Politik der Partei zu bringen und dadurch ihren Beitrag zur Einheit und Entwicklung des revolutionären Proletariats zu leisten. Durch diese Arbeit der Betriebsparteizellen und der RBG’s wird die Verbindung der Partei mit den parteilosen Massen gefestigt, werden die Parteikader im Betrieb gestählt und neue Kader herangebildet.

Und noch etwas für die Zukunft Entscheidendes gilt es bei dem Aufbau von Betriebsparteizellen und Roten Betriebsgruppen zu beachten: Die strikte Einhaltung der konspirativen Regeln. Keinesfalls dürfen Namen der Genossen der Zellen und RBG’s dem Klassengegner bekannt werden. Keinesfalls dürfen beispielsweise sie selbst Flugblätter der Partei vor den Betrieben, in denen sie arbeiten, verteilen. Die Zahl der Mitglieder der einzelnen Betriebsparteizellen und RBGs sollte möglichst nicht die Zahl 7 bis 8 überschreiten. Das heißt natürlich nicht, daß die Genossen nicht politisch im Sinne des Kommunismus die Kolleginnen und Kollegen agitieren; dabei brauchen sie sich aber nicht – von Ausnahmen abgesehen – als Mitglieder der Partei oder RBG’s erkennen zu geben. Nur wirklich vertrauenswürdige Kollegen bezieht man in die organisatorische und politische Arbeit ein. Bei Genossen in für die Partei wichtigen betrieblichen Funktionen kann der Auftrag erteilt werden, sich politisch zurückzuhalten. Wir brauchen Genossen gerade in Zeiten sich verschärfender Klassenkämpfe und heranreifender revolutionärer Situation in und nicht außerhalb der Betriebe.

Warum haben wir uns mit dem ersten Schritt, dem Aufbau von Betriebsparteizellen so ausführlich beschäftigt? Weil erst sie die erfolgreiche Inangriffnahme des zweiten Schrittes: Der Aufbau einer revolutionären Gewerkschaftsopposition, der über die Bildung von kommunistischen Fraktionen innerhalb der Gewerkschaften erfolgt. Solange wir beim Aufbau dieser Fraktionen nicht von den Betriebsparteizellen ausgehen, werden wir die in der Gewerkschaft organisierten Arbeiter nicht erfassen, organisieren und führen können.   

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