Zur Währungskrise

Das Bild ist kein Bestandteil des vorliegenden Artikels des ROTEN MORGEN

ROTER MORGEN, 5. Jg., Mai 1971

Möller zurückgetreten; Schiller „Superminister“: die Währungskrise hat einen ersten spektakulären Höhepunkt erreicht. Mehr denn je sieht die bürgerliche Presse ihre Aufgabe darin, Ursachen und Auswirkungen dieser Krise in einem Wust von Lügen und Verdrehungen zu verstecken – versetzt mit „Fach“ausdrücken, die kein Mensch versteht.

Gerade deshalb ist es notwendig, die gegenwärtige Krise in einem theoretischen Artikel mit den wissenschaftlichen Kategorien des Marxismus zu analysieren.

A. Marxistische Grundkategorien bezüglich der Währung

Das Wesen des Geldes ist nach Marx, „allgemeine Äquivalentware“ zu sein. Was heißt das? Erstens, daß das Geld seinem Wesen nach eine Ware wie jede andere Ware ist. Daraus folgt, daß auch der Wert des Geldes durch die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit zu seiner Produktion bestimmt ist. Das ist am klarsten bei der Goldwährung: Gold ist ein Produkt wie jedes andere, dessen Tauschwert durch die zu seiner Produktion gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit zustande kommt. Statt Gold könnte auch irgendeine andere Ware (z.B. Kühe oder Weizen) allgemeine Äquivalentware sein. Zur Produktion von 1 Einheit Gold ist z.B. eine gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit von 3 Stunden notwendig. Dann ist eine Ware, zu deren Herstellung 15 Stunden notwendig sind, 5 Einheiten Gold wert (es wird hier von Konkurrenz und Monopol abgesehen, aufgrund deren der konkrete Preis nicht, wie hier vorausgesetzt, dem Wert genau entspricht). Eine Ware, zu deren Herstellung ½ Stunde notwendig wäre, wäre 1/6 Einheit Gold wert.

Zweitens bedeutet das, daß eine Ware allgemeine Äquivalentware sein muß, weil nur so eine Änderung ihres Wertes das Verhältnis der anderen Waren zueinander nicht berührt, so daß das System dadurch nicht gestört wird. Wenn z.B. die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit für eine Einheit Gold von 3 auf 1 Stunde sinken würde, wäre die erste Ware 15 und die zweite ½ Einheit Gold wert: Ihr Verhältnis hätte sich nicht geändert.

Drittens ist die Äquivalentfunktion (nicht das Waren-Wesen!) eine rein ideelle Funktion. Deshalb kann dieses „ideelle Geld“ (Marx) durch „Papiersymbole“  (Marx) ersetzt werden. Wohlgemerkt: die Äquivalentfunktion, also das Zirkulieren des Geldes, kann durch Papiersymbole ersetzt werden. Damit aber das Wesen des Geldes als Ware erhalten bleibt, muß den Papiersymbolen ein realer Warenkörper (Golddeckung) entsprechen, der in den Nationalbanken gelagert wird.

Viertens muß die Masse des Geldes in einem Währungsraum der Masse der zirkulierenden Waren entsprechen, genauer: der gesamte Wert des Geldes dem gesamten Wert der zirkulierenden Waren. Das gilt für zirkulierendes Geld und zirkulierende Waren, gehortete Schätze stehen außerhalb und berühren das Verhältnis nur, wenn sie wieder in die Zirkulation kommen. Innerhalb der Zirkulation stellt sich die Gleichheit von Geld und Warrenmasse immer erneut her. Wie groß muß die Geldmenge in absoluten Zahlen sein? Wenn alle zirkulierenden Waren insgesamt1 Mill. Stunden gesellschaftlich notwendiger Arbeit benötigen, dann müßte eine Geldmenge zirkulieren, die einer Goldmenge entspräche, zu deren Produktion ebenfalls 1 Mill. Stunden gesellschaftlich notwendiger Arbeitszeit verwendet würde.

Nationale Währung und Weltwährungsystem

Marx: „In den verschiedenen Nationaluniformen, die Gold und Silber als Münzen tragen, auf dem Weltmarkt aber wieder ausziehn, erscheint die Scheidung zwischen den innern oder nationalen Spären der Warenzirkulation und ihrer allgemeinen Weltmarktsphäre.“  Das Beispiel der Uniform ist treffend: die Verschiedenheit der Währungen ist nur eine Oberflächenerscheinung. So kann das Land A z.B. als Währungseinheit (1A) eine Menge Gold nehmen, deren gesellschaftlich notwendige Produktionszeit 3 Stunden ist, während das Land B (1B) eine Menge nimmt, deren Produktionszeit nur 1 Stunde ist. 1 A ist dann dreimal mehr wert als 1 B. Solange es sich bei beiden um Goldwährungen oder Papierwährungen mit Golddeckung handelt, kann dabei kein Problem entstehen. Dann ist nämlich gewährleistet, daß die Gesamtmenge der Währung A einer Goldmenge von soviel Stunden gesellschaftlich notwendiger Produktionszeit (GNPZ) entspricht, wie GNPZ für die Gesamtzahl der zirkulierenden Waren notwendig waren. Das gleiche gilt für B. Die Folge ist nun, daß zwischen beiden Währungsräumen nur soviel Währung gewechselt (getauscht) wird, wie Waren zwischen beiden ausgetauscht werden. Dieses Gleichgewicht zeigt sich dann in der ausgeglichenen Devisenbilanz.

Sobald die Golddeckung teilweise oder ganz aufgehoben wird, wird die Sache komplizierter. Auch jetzt ist es noch möglich, die Währungen stabil zu halten. Das ist dann der Fall, wenn, wie oben erläutert, die in jedem einzelnen Währungsgebiet in Umlauf gesetzte Geldmenge soviel Stunden GNPZ Gold entsprechen würde, wie GNPZ für die Gesamtzahl der in jedem einzelnen Währungsgebiet zirkulierenden Waren notwendig waren. Solange das der Fall ist, bleiben die Wechselkurse stabil.

Nun tritt z. B. im Währungsgebiet A folgendes ein: die Gesamtmasse der dort zirkulierenden Waren entspricht 1. Mill. Stunden GNPZ. Es zirkuliert jedoch eine Geldmenge, die 2 Mill. Stunden GNPZ Gold entspricht. Das Verhältnis Stunden GNPZ alle Waren zu Stunden GNPZ Gold ist 1:2. Es soll nun vorausgesetzt werden, daß dieses Verhältnis in den übrigen Währungsgebieten weiter 1:1 bleibt. Nun kann der Wechselkurs zwischen A und den übrigen Ländern nicht mehr stabil bleiben. Und zwar wesentlich deshalb, weil das Verhältnis der Währungen zur Basis der allgemeinen Äquivalentware, d. h. der GNPZ der allgemeinen Äquivalentware, nicht mehr das gleiche ist. Marx: „Erst auf dem Weltmarkt funktioniert das Geld in vollem Umfang als Ware, deren Naturalform zugleich unmittelbar gesellschaftliche Verwirklichungsform der menschlichen Arbeit in abstracto ist. Seine Daseinsweise wird seinem Begriff adäquat.“

Die Erscheinungsformen dieser wesentlichen Veränderung sind folgende: Inflation im Inneren, und zwar bei Annahme eines geschlossenen Währungsraums Steigen der Preise um 100 Prozent. Bei Annahme offener Grenzen teilweise Minderung dieser Inflation durch Herausströmen von Geld und Hineinströmen von Waren. Folge: passive Zahlungsbilanz. An der Erscheinungsform der passiven Zahlungsbilanz erkennen die Kapitalisten die Tatsache, daß eine Währung ihre Stabilität verloren hat und im Vergleich zur GNPZ Goldeinheit verloren hat (sowie im Vergleich zu allen Währungen, die gegenüber der GNPZ Goldeinheit nicht verloren haben).

B. Das System vom Bretton Woods und die Dollar-Krise

Im Abkommen von Bretton Woods (1944) wurde der Dollar zu einem bestimmten Kurs auf immer an das Gold gebunden. Die Folge davon war, daß von nun an der Dollar als Gold-Äquivalent anerkannt wurde. Ein solches Verfahren ist möglich, solange nur soviel Dollar in Umlauf gesetzt werden, wie in der Anzahl GNPZ aller amerikanischen zirkulierenden Waren Gold produzieren werden könnte. Solange ist der Dollar wirklich Goldäquivalent. 1944 besaß der Dollar eine so hohe Golddeckung, daß schon allein an dieser Erscheinungsform die Exaktheit der Äquivalenz ablesbar war. Ebenso an der Erscheinugsform ausgeglichener Zahlungsbilanzen. Infolge des Vietnam-Krieges änderte sich das von Grund auf. Da sämtliche produzierten Waffen zur sofortigen Vernichtung und nicht zur Zirkulation bestimmt waren, aber Dollars für sie in Umlauf gesetzt wurden, änderte sich das Verhältnis GNPZ aller zirkulierenden Waren zu GNPZ Gold des umlaufenden Geldes stark. Daraus folgende Erscheinungsformen: Inflation im Innern mit Preissteigerungen, Herausströmen von Geld in andere Räume, besonders nach Westeuropa, Hineinströmen von Waren, besonders aus Westeuropa, passive Zahlungsbilanz. Nun hätte also der Dollar abgewertet werden müssen. Das geschah jedoch nicht aufgrund des Abkommens von Bretton Woods. Die Folge war, daß bei jedem Eintausch von Dollar gegen westeurop. Währung der Dollarbesitzer einen Gewinn und der andere einen Verlust hatte. Das führte zu noch stärkerem Hineinströmen von Dollars nach Europa. Vertreter des westeuropäischen Kapitals wie De Gaulle stellten richtig fest, daß die USA zu verbilligten  Preisen Westeuropa aufkaufen konnten.

Es ist also klar, welche Vorteile die USA aus dem Abkommen von  Bretton Woods ziehen und daß sie kein Interesse haben, das Abkommen entweder zu kündigen oder nach der Abwertung des Dollars in Bezug zum Gold das Abkommen neu zu schließen. Der jetzige Zustand bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als daß die USA für Dollars, denen eine geringere GNPZ selbst produzierter Waren entspricht, Waren eintauschen können, denen eine höhere GNPZ entspricht.

C. Die jetzige Krise und die zwischenimperialistischen Widersprüche

Solange ein Ungleichgewicht zwischen Dollar und einer anderen Währung entsteht und das Abkommen von Bretton Woods nicht angetastet wird, muß die andere Währung aufwerten, um ein neues zeitweiliges Gleichgewicht herzustellen. Dies traf bereits zweimal für die DM zu. Trotzdem war auch dieses Gleichgewicht nicht von Dauer: im Mai 1971 brach erneut eine offene Krise aus.

In dieser Krise zeigten sich deutlich die verschiedenen und unversöhnlichen Interessen der Imperialisten.

Die USA waren daran interessiert, das Abkommen von Bretton Woods und den alten Dollarkurs zum Gold aufrechtzuerhalten. Die westeuropäischen Imperialisten waren insgesamt und in ihrer Hauptseite daran interessiert, den Dollar zur Abwertung gegenüber dem Gold zu zwingen, um die Dollarmenge wieder mit der GNPZ Gold in Einklang zu bringen. Dieses Interesse vertraten am klarsten die französchen Imperialisten, deren Währungstheoretiker Jacques Rueff zu diesem Zweck nahezu eine marxistische Argumentation verwandte (Zurückführung des Goldstandards auf die GNPZ). Die konsequente Vertretung dieser Interessen hätte einheitliches Vorgehen und scharfe Auseinandersetzung mit den USA bedeutet. Der Verlauf der Krise zeigte, daß es den USA gelang, gestützt auf ihre Bastion in Westeuropa, besonders in der BRD, ihre eigenen Interessen durchzusetzen.

Dabei stand die aktuelle Krise in einem weltgeschichtlich bedeutenden Zusammenhang. Die jetzge Weltherrschaft zweier Supermächte beruht nämlich auf der Tatsache, daß die westeuropäischen Imperialisten gespalten bleiben.

Schema des jetzigen Weltsystems:

In Worten:

USA und SU sind die einzigen Supermächte (Mächte mit globalen Einflußsphären, doppelt umrandet). Sie sind verbündet, gleichzeitig bekämpfen sie sich. Die vier wichtigsten westeuropäischen Länder (BRD, Frankreich, England, Italien) bleiben gespalten. Die BRD ist dabei der stärkste Imperialismus und deshalb der bevorzugte Partner und Gendarm von USA und SU. Sie stützen sich hauptsächlich auf die BRD, wobei sie aber gleichzeitig die Konkurrenten der BRD durch „privilegierte Beziehungen“ schwächen. Solche Beziehungen unterhalten die USA zu England, die SU zu Frankreich und beide zu Italien.

Dieses System aufrechtzuerhalten, liegt im langfristigen Interesse der USA.

Ihr Verhalten in der Währungskrise, das zur Verschärfung der Widersprüche zwischen der BRD und den anderen europäischen Imperialisten geführt hat, diente also nicht nur in hervorragender Weise ihren kurz- und mittelfristig ökonomischen Interessen, sondern auch ihren langfristigen politischen Interessen.

Ein qualitativ neues politisches Weltsystem würde entstehen, wenn die kleinen westeuropäischen Imperialisten zu einer „Dritten Supermacht“ unter Führung der BRD verschmelzen würden.

Schema

Das Entstehen einer westeuropäischen Supermacht würde das jetzige Weltsystem der USA und der SU qualitativ umwälzen (was kaum ohne Krieg möglich wäre). Die USA bekämpfen alle Tendenzen, die eine solche Entwicklung vorantreiben könnten.

D. Auseinandersetzung in der westdeutschen Bourgeoisie

In der westdeutschen Bourgeoisie gibt es eine Tendenz, die den jetzigen Zustand aufrechterhalten und ausbauen will („osteuropäischer Weg“, vgl. RM-Artikel) und eine Tendenz, die auf den neuen Zustand hinarbeitet („westeuropäischer Weg“).

In allen bedeutenderen Krisen prallen die Absichten der Vertreter beider Tendenzen aufeinander, so auch in der augenblicklichen Währungskrise.

Zwei Lösungsmöglichkeiten gab es für die Krise: man konnte sie zur Aufrechterhaltung des

jetzigen Systems ausnützen oder dazu, einen weiteren Schritt auf dem „westeuropäischen Weg“ zu gehen. Die erste Möglichkeit wurde von Schiller durchgesetzt: eine Freigabe nur des Wechselkurses der DM führte de facto zu einer Aufwertung nur der DM gegenüber dem Dollar. Der Dollar blieb gerettet, ebenso das System von Bretton Woods. Gleichzeitig verschärften sich die Widersprüche innerhalb Westeuropas und besonders innerhalb der EWG, da die Agrarpreisordnung und der gesamte Handel innerhalb der EWG gestört wurde.

Der zweite Weg hätte eine Einführung von Devisenkontrollen in allen westeuropäischen Ländern bedeutet. Das hätte dazu geführt, daß die USA, um wieder Dollars in die EWG zu kriegen, worauf sie angewiesen sind, wohl oder übel hätten abwerten müssen. Das hätte ihnen sehr geschadet und hätte gleichzeitig die EWG-Staaten dazu gezwungen, einen ersten Schritt zur Währungsunion zu gehen.

E. Zur Frage der zwei Fraktionen

Eine Schlüsselfigur in der Krise spielte der Präsident der Westdeutschen Landesbank-Girozentrale, Poullain. Nach Berichten bürgerlicher Zeitungen hat er einen ähnlichen Einfluß auf die Regierung Brandt wie früher Abs auf die CDU-Regierungen.

In diesem Zusammenhang dürfte es aufschlußreich sein, daß die Westdeutsche Landesbank-Girozentrale international mit folgenden Banken verflochten ist: Chase Manhattan (USA), Royal Bank of Canada, Westminster Bank (England). Die führende Bank in dieser Gruppe ist eindeutig die Chase Manhattan (81 Mrd. Mark Bilanz gegenüber 38 Mrd. Westdeutsche Landsbank.

Diese Tatsache, zusammen mit Poullains Politik, spricht stark für die Annahme, in Poullain und seiner Bank einen typischen Vertreter des US-Kapitals in der BRD zu sehen.

Woher kam der Widerstand? Wer vertrat den „westeuropäischen Weg“? Auf politischer Ebene die CDU/CSU, besonders klar Strauß und Stoltenberg.

Auf ökonomischer Ebene z.B. der BDI, der in der Krise eine „für die künftige Entwicklung der EWG schicksalhafte Bedeutung“ sah. Der BDI fragte klar, „ob die deutsche Industrie sich eine andere Option als die zugunsten der europäischen Einigung überhaupt leisten kann.“

Hinter dem BDI steht der größte und mächtigste Teil des westdeutschen Kapitals. Gegen ihn setzte sich augenblicklich das Bündnis eines schwächeren Teils des westdeutschen Kapitals mit dem US-Imperialismus durch. Man kann aber mit ziemlicher Sicherheit annehmen, daß es sich dabei nur um einen Pyrrhussieg gehandelt haben kann.

F. Bedeutung für den Klassenkampf und das Proletariat

Die jetzige Entscheidung, d. h. der kurzfristige, knappe Sieg des „osteuropäischen“ Flügels, ist für das Proletariat günstig. Je länger der nahezu unentschiedene Kampf der beiden Fraktionen andauert, umso besser für das Proletariat. Außerdem ist es günstiger, wenn die SPD als soziale Hauptstütze der Bourgeoisie im Proletariat die Regierungsgewalt innehat und damit auch das arbeiterfeindliche „Krisenmanagement“ betreiben muß.

Allerdings besteht dabei eine Gefahr: die CDU/CSU wird diese Lage demagogisch ausnützen und der Arbeiterklasse  und den anderen Werktätigen vorlügen, die Ursache für die Krise und ihr Elend wäre der osteuropäische Weg, und alles würde besser mit dem westeuropäischen Weg. Wir müssen schon jetzt sehen, daß diese Demagogie sehr gefährlich ist. Dazu kommt, daß es der Logik des westeuropäischen Weges entspricht, die VR China anzuerkennen. Auch auf die dann entsprechende Lage müssen wir uns und die Massen schon jetzt vorbereiten.  

 

 

Ersten Kommentar schreiben

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*